Uns geht's ja noch gold
Restaurant Teuer, aber toll: Das Vlet in der Speicherstadt punktet mit kreativer Küche, Top-Service und viel gutem Wein
Einen Tag nach der Einweihungsparty zeigen die Eissäulen vor dem Eingang Steherqualitäten: Trotz Plusgraden schimmern die "Vlet"-Schriftzüge durch die gut erhaltenen kühlen Quader - und liefern den Kontrast zu dem, was uns hinter der Tür zum neuen Restaurant in der Speicherstadt erwartet. Dunkle Holzbohlen, hohe Decken, ein Mix aus nacktem Mauerwerk, grob verputzten Wänden und Stahlträgern, angenehmes, auch mal grünes Licht und loungeartiges Interieur in dem U-förmigen Gastraum haben wärmende Wohlfühlwirkung. Aus dem Schatten eines goldigen Großfisches an der Wand erscheint eine (wie alle Servicekräfte) aufmerksame und charmante junge Frau und geleitet uns zu den möglichen Tischen - am frühen Freitagabend hat man noch die Wahl.
Die wird spätestens beim Studium der Karten zur sprichwörtlichen Qual. "Tradition isst modern" hat man sich auf die Fahne geschrieben und erfüllt das gegensätzliche Paar geschmackvoll mit Leben: hier das althochdeutsche Wort für Fleet im Namen, dort das auch nicht mehr ganz neue Gemüse Rote Bete, modern interpretiert als perfekt abgeschmeckte "Samtsuppe" mit Meerrettich und einem Gläschen Trinkessig von Pedro Ximines serviert (9 Euro). Auch schön: Salat von Thunfisch mit Avocado, Mango, Ingwer und geröstetem Sesam (19 Euro). Das Meerestier ist erstklassige, hauchzarte Ware, die allerdings gern etwas mutiger (mit einem Hauch Sojasauce oder Limettensaft) hätte gewürzt werden dürfen. Ansonsten finden sich viele (norddeutsche) Klassiker mit französischen Einflüssen vom Kopfsalat mit Blumenkohl, Curryöl und Kichererbsen-Crêpes über Rehterrine und Weißkohlsuppe mit Hummer bis zum extrem kostspieligen Kabeljaupüree mit Wintertrüffel und Hummerstock für 32 Euro.
Eine Billigbude ist das Vlet also gewiss nicht; das deftige Preisniveau passt sich auch bei den Hauptgerichten der Lage in der ersten Etage des Speichers an. Birnen, Bohnen und Speck schlägt (dank der Trüffelvinaigrette?) mit 19 Euro zu Buche (mit Wintertrüffel 31 Euro), Fasanenbrust im Speckmantel mit 29 Euro, und der exzellente gebratene Steinbutt mit Waldpilzen, Rindermark und Bohnenkraut kostet stolze 39 Euro. Dafür kreiert Küchenchef Sascha Jürgens (36, früher u. a. Stellvertreter von Thomas Martin im Louis C. Jacob) erhebende Aromaerlebnisse und macht etwa aus Hamburger Rundstück mit geschmortem Schweinenacken vom Eichelschwein, Rahmgurken und knusprigem Landbrot eine Delikatesse (21 Euro). Unter Jürgens' Führung läuft die Brigade auch beim überschaubaren Dessert-Angebot zur Hochform auf; mehr als die Schokoladen-Ganache (14 Euro, Crème aus Butter und Crème fraîche) und der Arme Ritter mit Karamellsauce, Eis von der Banane und Mango (11 Euro) war allerdings mengenmäßig und finanziell nicht zu verkraften (Alternative Käsespezialitäten: 11 bis 15 Euro).
Will man sich den teuren Abend schönrechnen, muss man das Drum und Dran einbeziehen: Statt nur eines bescheidenen Grußes aus der Küche kamen vorweg ein hervorragendes Artischocken-Oliven-Süppchen, dazu Parmesan-Cracker mit Schalotten-Chutney, gebackene Auberginen mit Tomatenpesto sowie Ingwer-Rahm-Dip mit geeisten Radieschen, salziger Butter und richtig gutem Brot; das Tütchen gebrannte Mandeln, Obst und Küchlein zusätzlich zum Dessert waren auch sehr nett.
So wie der heimliche Star des Vlet: Sommelier Lennart Wenk (27, früher bei Hendrik Thoma im Louis C. Jacob) empfiehlt mit ansteckender Freude am Sujet und bestem Wissen exzellente Gewächse aus dem löblich großen offenen Angebot zu allen Gängen. Und über 19,50 Euro für die gesamte Weinversorgung kann man sich nun wirklich nicht beschweren. Wer lieber flaschenweise teuer aus der langen Liste trinkt, ist zum Beispiel mit dem 1970 Grand Cru Classe Passac-Leognan vom Bordeaux-Château Haut-Bailly für 220 Euro bestens bedient.
Vlet Di-Sbd 12.00-15.00, 18.00-24.00, Am Sandtorkai 23/24 (MetroBus 3, 6), Eingang via Kibbelstegbrücke, T. 334 75 37 50; www.vlet.de




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