Lou Reed: Ich war kein Berliner
ROCK 33 Jahre lang lagen die Pläne für eine Aufführung von "Berlin" unter Verschluss. Am 6. Juli spielt der New Yorker Künstler sein pessimistisches Konzeptalbum live im CCH
Die Berliner waren geschockt und verärgert. So negativ und schlecht gelaunt hatte sich niemand über ihre Stadt ausgelassen. In dem Album "Berlin" zeichnete Lou Reed 1973 aus der Ferne am Beispiel des Drogenpaares Jim und Caroline eine Metropole, in der ein Zusammenleben aus purer Gewalt und eisiger Gefühlskälte bestand. Keine Liebe, nur Krieg der Geschlechter. Zu viel des Schlechten für die Berliner. Das düstere Szenario, das sich in Songs wie "Lady Day", "Caroline Says I" und "Sad Song" widerspiegelte, entsprach eher der City, in der Lou Reed damals selbst lebte: New York, dem Moloch mit seinen Gettos und Abstellgleisen des sozialen Lebens. Andere Rockstars wie David Bowie und Iggy Pop, die seit 1975 in der geteilten deutschen Stadt lebten, gaben den Berlinern bessere Erinnerungen zurück. Bowies "Helden" zum Beispiel.
Lou Reed besichtigte die Stätte seiner missgelaunten Fantasie erst 1975, als er seine Freunde Bowie und Pop besuchte. Womöglich wollte er überprüfen, ob er sich an dem Berlin-Thema vergriffen hatte. Alle und alles sprachen nämlich gegen ihn. Seine Plattenfirma hatte das pessimistische Konzeptalbum von Doppelalbumlänge auf LP-Format gestutzt. Bei vielen Fans wie auch Kritikern stieß das dramatische Werk auf taube Ohren. Nur das US-Magazin "Rolling Stone" sprach von einem "Sgt. Pepper der 70er-Jahre".
Der Künstler selbst hat seine zehn "Berlin"-Songs in ihrer Gesamtheit nie live gespielt. Skizzen für eine Bühnenaufführung waren 33 Jahre lang sicher unter Verschluss. Sein Bekenntnis zu "Berlin" gab Lou Reed erst 2006 ab. In einer Bühnenshow, die er von dem befreundeten Maler und Filmemacher Julian Schnabel dekorieren und filmen ließ, erlebten die Songs in St. Anne's Warehouse in Brooklyn, New York, an vier Dezemberabenden ihre Uraufführung. Zwei Konzerte in Berlin und Düsseldorf folgten im Juni 2007. Auf der Bühne wurde Reed von einer fünfköpfigen Rockband, Streichern und Bläsern, einem zwölfköpfigen Kinderchor und der Sängerin Sharon Jones begleitet. Insgesamt 35 Personen umfasste das Ensemble, darunter der Originalalbumproduzent Bob Ezrin sowie Hal Willner als musikalische Direktoren des Bühnenspektakels. So soll es auch am 6. Juli im CCH sein.
"Berlin stand für mich damals als Metapher für Eifersucht, Zorn und Sprachlosigkeit", sagte der 63-jährige New Yorker 2007. Und versuchte opportunistisch den Berlinern zu schmeicheln, als er fortfuhr: "Die Stadt ist größer, weltstädtischer, vereinter, und die Menschen scheinen glücklicher zu sein." Berlin sei nach der Wende "berlinerischer" geworden.
Ganz verziehen haben sie ihm seine schlechte Laune von 1973 trotzdem nicht.
Lou Reed's "Berlin" So 6,7., 20.00, CCH 1 (S Dammtor), Marseiller Straße, Karten ab 46,-; Internet: www.loureed.com




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