Der Unsichtbare taucht wieder auf
CD Nach vier Jahren Pause hat der Berliner Brite Joe Jackson ein neues Album am Start. "Rain" ist ein essentielles Werk mit zehn zeitlos genialen und brillant produzierten Songs
Ängstlich wirkt er, unsicher und irgendwie verhuscht, wie er so dasitzt auf dem Sofa in einem x-beliebigen Zimmer eines unauffälligen Hotels in Kreuzberg. Einzig die Red-Bull-Büchse in seinen Händen scheint Joe Jackson einen gewissen Halt zu geben. Dabei könnte der Brite vor Selbstbewusstsein strotzen: "Rain", das neue Album des Briten, ist ein Geniestreich, und das Interview dazu gibt er in mittlerweile gewohnter Umgebung: seiner neuen Heimat Berlin. Wo er aber doch am liebsten eine Tarnkappe tragen würde: "Das ist doch ein herrlicher Gedanke, dass dich niemand sehen kann. Solche Fantasie hat wohl jeder mal", sagt er leise.
Es geht um den "Invisible Man", den ersten der zehn Songs, von denen jeder für sich ein nahezu perfektes kleines Kunstwerk ist und die "Rain" zu einem monolithischen Meilenstein machen. Der unsichtbare Mann hat nicht die Last des Ruhms zu tragen, steht nicht ständig im Scheinwerferlicht, kann einfach nur Mensch und Künstler sein: "Now I'm almost free. Disappearing. Don't cry for me", singt Jackson - und erzählt von Joni Mitchell: "Solange sie keinen Erfolg hatte, konnte sie das Leben um sich herum beobachten. nachdem sie berühmt wurde, hat alle Welt sie beobachtet - und das Songschreiben schwer gemacht." Jackson arbeitet mit "Invisible Man" auch das auf, was für ihn, den Sensiblen, in den 80er-Jahren wohl zum Trauma wurde. Er hatte gerade "Night And Day" veröffentlicht und lebte in New York, umgeben von distanz- und respektlosen Menschen, die er nicht Fans nennen mag und oft als Belästigung empfand. "Was ich sagen will: Inzwischen ist das Spotlight nicht mehr auf mich gerichtet - Gott sei Dank!"
Mehr Ruhe hat er in Berlin gefunden ("Die Leute sind cooler hier"), wo er seit gut einem Jahr lebt und "Rain" aufgenommen hat - mit seinen langjährigen, ebenfalls singenden Weggefährten Graham Maby (Bass) und Dave Houghton (Drums). Jackson spielt die Keyboards. Nimmt man Qualität und Intensität der Stimme und der Songs als Maß für sein Wohlbefinden, muss es dem 53 Jahre alten, inzwischen weißhaarigen Musiker ganz ausgezeichnet gehen: In allen Lagen, besonders aber in schwindelerregenden, auch mal souligen Falsett-Höhen ("Citizen Sane") singt er glockenrein, manchmal melancholisch sehnsuchtsvoll, vokalistisch nicht gealtert, sondern noch weiter gereift. Scharfsinnige, teils bissig gesellschaftskritische Texte, die sich mit dem Bedauern über eine beendete und mithin gescheiterte Beziehung ("Wasted Time") ebenso befassen wie mit dem Moment, in dem eine Liebe (wieder)beginnt ("Rush Across The Road"), oder mit einer präzis groovenden Reminiszenz an Jacksons langjährigen Lebensmittelpunkt New York ("Uptown Train").
Die kleine Besetzung ist der große Vorteil für die im besten Sinne schlichten Tracks, die sich auch schon mal vorsichtige (gitarrenfreie!) Ausflüge in eine punkige Attitüde erlauben ("King Pleasure") und die Jackson selbst produziert hat: gewohnt brillant und immer knapp diesseits der kritischen Grenze zur Sterilität. Das typische Piano dominiert viele Songs, Mabys Bassläufe sind ebenso treibend wie oft ein wichtiger Bestandteil der Melodik, Houghtons trockene und mal weiche, mal knüppelharte Trommeln geben dem Ganzen den guten Rest. "Rain" ist nichts weniger als der essenzielle Joe Jackson - und knüpft so gesehen alles andere als eklektizistisch an das gut 25 Jahre alte "Big Apple"-Opus "Night And Day" an. Denn das ist es, was er wollte: "Ein elementares, zeitloses Album ohne jedes Füllmaterial. Qualität statt Quantität."
Dafür haben sich die vier Jahre Wartezeit nach "Afterlife" gelohnt - und die Tatsache, dass Jackson vier eigentlich vorzügliche Songs wieder aus dem Listing gestrichen hat. "Rain" (der Titel ergab sich schlicht aus der Tatsache, dass es während der Arbeit an den Songs und den Aufnahmen immer geregnet hat, und findet nur in "A Place In The Rain" eine Entsprechung) ist einmal mehr ein Werk, das sich der - von Jackson so verhassten - vorschnellen und eindeutigen Ablage in eine Genreschublade kategorisch verweigert.
Oder, wie er es im vorletzten Song formuliert: "Get in the line and be a good bad boy!"















