The Dead Weather: Sea Of Cowards

Rauen Blues in die schwarzen Rillen gepresst

Foto: Warner

Jack White hat mit The Dead Weather ein anachronistisches Garagenrock-Album eingespielt. Kritik, Hörbeispiele und Video finden Sie hier.

Eigentlich wollte er nur mit ein paar Freunden eine Single aufnehmen, weil sein neues Studio in Nashville gerade fertig geworden war. Also lud Jack White , 34 Jahre alter Sänger und Gitarrist der White Stripes und der Raconteurs, zwei Kumpel in seinen neuen Aufnahmeraum mit dem Namen Third Man ein: Jack Lawrence, Bassist bei den Raconteurs, und Dean Fertita, Gitarrist von Queens Of The Stone Age.

White wollte sich selbst hinters Schlagzeug setzen wie zu Beginn seiner Karriere in Detroit. Zufällig war auch Alison Mosshart, Sängerin der Kills, in der Stadt und schaute vorbei. Die vier hingen zusammen ab, fingen an zu spielen, fanden Gefallen an dem, was da an Krach aus den Lautsprechern kam, und gründeten The Dead Weather.

Im Juli 2009 erschien "Horehound", das erste Dead-Weather-Album, am 21. Mai erscheint jetzt "Sea Of Cowards", das Nachfolgewerk. Erstaunlich mit welcher Geschwindigkeit der Zweitling vollendet wurde und Beleg dafür, dass The Dead Weather kein unwichtiges Nebenprojekt für den umtriebigen Jack White ist.

Bereits nach "Horehound" hatte er gesagt, dass er die nächste Platte am liebsten sofort aufnehmen würde, zehn Monate später ist sie auf dem Markt. Nur drei Wochen hat die Band für die Aufnahmen im Studio gebraucht, ebenso so schnell wie in der prädigitalen Zeit, als Bands alle paar Monate neue Werke herausbrachten. Man braucht sich dafür zum Beispiel nur den Output der Rolling Stones in den 60er-Jahren anzusehen.

Wie "Horehound" ist auch "Sea Of Cowards" ein raues elektrisches Bluesalbum mit deutlichen Referenzen an die 60er- und 70er-Jahre geworden. Dean Fertita reißt kurze Riffs an, Lawrence und White legen einen harten Rhythmus unter die Gitarre und den Gesang, den Mosshart und White sich teilen. Die Songs klingen alles andere als perfekt, aber sie konservieren die unbändige Energie der Studioarbeit.

Dieser dreckige Garagensound verbindet The Dead Weather mit Sixties-Bands wie MC 5 oder den Stooges. Was sicher sehr im Sinne von Jack White ist, denn damals wurde in die schwarzen Rillen gepresst, was wirklich gespielt wurde. Ohne die Möglichkeiten der digitalen Nachbearbeitung. Jede Band musste zeigen, was sie tatsächlich drauf hatte.

Jack White ist einer der letzten Bewahrer analoger Technik und ein Förderer von Vinylplatten. Bemusterungsexemplare der White Stripes für Journalisten gibt es nur als Vinyl, wer keinen Plattenspieler mehr besitzt, schaut in die Röhre. "Ich bin der Posterjunge der Gaslampen-Technologie", hat er über sich gesagt. Computer möchte er am liebsten auf einen großen Scheiterhaufen werfen: Jack White führt Krieg gegen die Digitalisierung der Musikwelt. Ein Kampf, den er kaum gewinnen kann, doch den er mit Entschlossenheit ausfechtet. Sein Traum: eine Armee von Musikliebhabern hinter sich zu scharen, die seine Liebe zum Vinyl teilen.

Ganz in der Nähe seines Third-Man-Studiokomplexes befindet sich ein Werk, in dem er Vinyl pressen lassen kann. Third Man verfügt außerdem über eine Dunkelkammer, so dass sich auch Plattencover sofort analog herstellen lassen. White hat in der Country-Hochburg Nashville ein Zentrum errichtet, hinter dem eine ähnliche Philosophie steht wie in den 50er- und 60er-Jahren hinter Sun und Chess Records oder hinter Motown. Künstler kommen dorthin, nehmen ihre Musik in einer familiären Atmosphäre auf und lassen die Resultate dort ohne große zeitliche Verzögerung produzieren und pressen.

Auch der aktuelle Dead-Weather-Titel "Sea Of Cowards" ist ein Hieb auf das Internet. In einem Interview mit dem britischen "New Musical Express" sagte Jack White: "Im Internet verspritzen so viele Leute Gift nach allen Seiten, doch diese Feiglinge verschanzen sich hinter falschen Namen oder diesen Avataren, die du anstelle eines Fotos benutzen kannst."

Die Texte der elf neuen Songs schrammen an den üblichen Bluesklischees vorbei und lassen Raum für Interpretationen. Ist "Gasoline" zum Beispiel die Liebeserklärung an einen Tankwart, oder kommt der besungene Benzingeruch von einem Molotowcocktail? "No Horse" könnte das Ende des Marlboro-Mannes bedeuten, denn wer kein Pferd besitzt, kann auch nicht in den Horizont reiten. Eindeutig ist nur der "Blue Blood Blues": "Wenn ich dich verlasse, Frau, wirst du mich nie wiedersehen."

Ein Wiedersehen und Wiederhören soll es demnächst auch mit Jack Whites erster erfolgreicher Band, den White Stripes, geben. Genaue Pläne haben White und seine Partnerin Meg allerdings noch nicht bekannt gegeben. Vielleicht kommt der Tausendsassa auch mit einer weiteren Raconteurs-Platte oder einem Filmprojekt um die Ecke. Gewiss ist nur eines: Stillstand gibt es im Leben von Jack White nicht. Und der Kampf gegen das Internet hat gerade erst begonnen.

The Dead Weather: "Sea Of Cowards" (Warner), ab 21.5. erhältlich. Auf www.abendblatt.de/kultur-live gibt es Ausschnitte einiger Songs und ein Dead-Weather-Video; www.thedeadweather.com

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