Lessing-Klassiker
"Emilia Galotti": Werteschau eines ziemlich coolen Haufens
Das starke Ensemble macht die zeitgemäße Inszenierung von Regisseur Marco Storman im Thalia Theater an der Gaußstraße sehenswert.
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Hamburg. „Wir irren des Nachts im Kreise umher und werden vom Feuer verzehrt“ steht in großen Leuchtlettern über die gesamte Bühnenbreite hinter der Spielfläche. Allerdings auf Latein. Dann nämlich ist es ein Palindrom, ein Satz, den man von vorn wie auch von hinten lesen kann: In Girum Imus Nocte Et Consumimur Igni. Eine ganz amüsante Spielerei, eine ziemlich pathetische zudem, nunja, sie sei dem Regisseur verziehen. Denn Marco Storman hat davon abgesehen eine durchaus sehenswerte „Emilia Galotti“ auf die Thalia-Bühne in der Gaußstraße gebracht. Es ist die Eigenproduktion des Thalias anlässlich der Lessingtage. Der Lessing der Lessingtage. Trotzdem ist sie in der Gaußstraße, der bescheideneren Zweitbühne des Hauses, gerade richtig aufgehoben.
Es ist ein cooler Haufen, der sich da um Moral und Würde und Anstand und ein bisschen auch um Liebe bemüht. Die Herren (die doch ohne Ausnahme eher Jungs sind) tragen Britpop-Frisuren und gelangweilte Lässigkeit zur Schau, Emilia hat ihren BH vergessen, zeigt stattdessen Hot Pants und High Heels. Ein eigenwilliger, bisweilen eigenartiger Gegensatz zu Lessings Sätzen, vor allem bei ihr. Ist sie doch eigentlich die fast grotesk Tugendhafte, die ohne eigenes Zutun vom Prinzen umschwärmt wird, weshalb dessen schmieriger Hofschranz ihren Verlobten ermorden lässt, woraufhin sich vor allem Emilia – darin durchaus bestärkt durch den dominanten Vater - schuldig fühlt. Ein möglicherweise wenig zeitgemäßer Stoff, wie in diesem Fall der deutliche Gegensatz zwischen der schnippischen Emilia und des von ihr behaupteten Gewissenskonflikts zeigt.
Zudem ist Lessings Emilia ohnehin nicht die stärkste Frauenrolle, die es am Theater für junge Frauen zu spielen gibt, und so hat es Franziska Hartmann auch am schwersten an diesem Abend. Denn das starke Ensemble ist eindeutig der Grund, für den es sich lohnt, diese Inszenierung zu sehen. Vor allem Jörg Pohl als willfähriger Marinelli mit Glizercolt-Gürtelschnalle gibt einen fabelhaften Möchtegern-Styler unter diesen verwöhnten Lessing-Hipstern, ihm möchte man wirklich ununterbrochen zuschauen. Karin Neuhäuser als Emilias Mut-ter Claudia ist eine fantastisch schräge Schachtel, auch Hans Kremer als ihr Mann Odoardo - und vielleicht noch mehr am Anfang als lässig aus der Hüfte Polaroids knipsender „Maler“ Conti – ist eine Wucht. Marina Galic zeigt ihre eifersüchtige Orsina als eine interessante, taktierende Frau mit unterkühlter Erotik. Sebastian Zimmler als Appiani und Thomas Niehaus als Prinz könnten wie Marinelli und Odoardo zumindest optisch sofort bei Oasis einsteigen.
Nicht bloß deshalb wird diese bewusst neonkalte Inszenierung sicher gut von Schulklassen gebucht werden. Sie ist (weniger im Stoff als in der Umsetzung) zeitgemäß, schnell, hat sehr starke Momente und auch irrsinnig komische, ohne dabei zu verflachen. Und das leuchtende Palindrom an der Rückwand mag inhaltlich verzichtbar sein - es sieht aber ohne Frage ziemlich schick aus.





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