18.10.12

Das "Amerikanische Tagebuch"

Siegfried Lenz: Notizen aus einem fernen Land

Das "Amerikanische Tagebuch" von Siegfried Lenz erzählt pointiert und bissig von der Reise des Dichters vor 50 Jahren.

Foto: Marcelo Hernandez
Autor Siegfried Lenz bei Hoffmann und Campe.
Autor Siegfried Lenz, 86, bei einem Gespräch über sein Werk "Amerikanisches Tagebuch"

Hamburg. Am 15. Oktober 1962, vor 50 Jahren also, startet um 8.30 Uhr am Flughafen Fuhlsbüttel ein junger Hamburger Schriftsteller nach London, um von dort aus nach Amerika weiterzufliegen. Er trifft am Flughafen - wie er notiert - ein "Mädchen mit Gitarre ('Essen Sie Lakritz?'), das zu einem Esso-Direktor als Haushaltsgehilfin ging", verliert es aus den Augen.

Der junge Hamburger heißt Siegfried Lenz. Er hat schon vier Romane veröffentlicht, darunter "Der Mann im Strom" 1957, und viele Kurzgeschichten, darunter "So zärtlich war Suleyken", 1955, und "Das Feuerschiff", 1960, schreibt für Zeitungen und den NDR. Sein Schauspiel "Zeit der Schuldlosen" ist ein Jahr zuvor am Deutschen Schauspielhaus unter Gustaf Gründgens uraufgeführt und hoch gelobt worden.

Nun also die Vereinigten Staaten von Amerika - eine Einladung des US-Außenministeriums. Gut fünf Wochen Eindrücke sammeln, die Stationen selbst festgelegt nach persönlichen Interessen, dazu Kontakte nach eigenen Wünschen. Zum ersten Mal das Land kennenlernen, das in der Nachkriegszeit den Deutschen großzügig "Hilfe in extremer Zeit" gewährte, wie Siegfried Lenz schreibt.

Ein Traum für einen Deutschen, 17 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, das kann man nicht ablehnen.

Lenz führt Tagebuch über diese Reise, sein erstes und einziges. Für seine damalige Ehefrau Lieselotte, die nicht mitkommt. Und für sich selbst - Notizen, Haltegriffe der Erinnerung, um die vielen Eindrücke und Bilder nicht zu vergessen. Erst spät erzählt der heute 86 Jahre alte Autor seinem Verleger Günter Berg, Hoffmann und Campe, davon - dem Verlag, in dem seit 1951 alle seine Bücher erschienen sind, und jetzt auch dieses "Amerikanische Tagebuch".

Es ist keine Zeile für Zeile durchgearbeitete Prosa. Dafür gibt es viele hübsche Einblicke in die Arbeitsweise des Autors Lenz, in die Art und Weise, wie er Begegnungen und Dinge beobachtet und registriert, was ihm auffällt, was ihn beschäftigt, wie er sich fühlt in der fremden Umgebung, was er nicht vergessen will. Kommentare, die sich bisweilen unversehens in bissiger Tiefenschärfe verdichten, gerade weil sie ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren.

Beobachtungen wie: "Die gewisse Einsilbigkeit amerikanischer Männer, besonders Taxifahrer. Einstweilen kein Land, in dem ich leben möchte." Oder, als er einen Theaterabendkurs besucht hat: "Ein Stunde der Hoffnung; sehr hässliche, unbegabte Frauen, die schwindsüchtige Kettenraucherin, die entenschnutige Pute." Über einen deutschen Generalkonsul heißt es ungeschönt: "Ein spröder geschwätziger Korpsstudent, ehemaliger Hamburger, Schmiß in der Fresse. Er beginnt sofort über Literatur zu sprechen, etwa: 'Ich selbst komme nicht zum Lesen, allenfalls einmal im Flugzeug. Arrogant, kühl, rechthaberisch, machtvollkommen." Er erlebt Postkarten-Landschaften, durchleidet öde Empfänge mit Konsuln, Kaufleuten, Korrespondenten, diskutiert mit Bibliothekaren und Professoren. Staunt über die amerikanische Offenheit, die ihm alles offenlegt, selbst den Preis des Hauses und die Höhe des Gehalts.

Daheim in Deutschland entfaltet sich derweil die "Spiegel"-Affäre, in den USA die Kuba-Krise. Lenz beäugt aufmerksam die Reaktionen seiner Gastgeber auf Kennedys Fernsehansprache, in der er die Blockade Kubas verkündet. Im Tagebuch erscheint der kryptische Satz: "Ich nehme mir vor, eine Weile hinter einem Amerikaner herzugehen." 50 Jahre später erläutert er: "Ich wollte sehen, ob die Menschen in einer Nation, die am Rande eines Dritten Weltkriegs steht, sich anders verhalten, bewegen, anders laufen."

Er bewahrt sich seinen kritischen Blick, wenn er notiert: "Dies Land scheint so reich zu sein, dass es alles (vor allem Essen) wegwirft, was nicht mehr brandneu ist." Gegen Mitte des Tagebuchs werden die Eindrücke sicherer, die Urteile fester. Wirklich lieben aber muss man das Buch für seine zugespitzten Personenskizzen: "Sehr reizende Leute, sie ein wenig müde lässige Herrendame."

"Siehst du es?", fragt Lenz seine Frau Ulla, wenn er wissen will, ob Geschriebenes gelungen ist. Hier sieht man's, klar und deutlich.

Bei der ersten Vorstellung des Buchs bei Hoffmann und Campe am Harvestehuder Weg zum Jahrestag von Lenz' Abreise sitzt sein Verfasser im Rollstuhl. Zündet sich nach wie vor voller Lust die geliebte Pfeife an. Er sitzt im Rollstuhl, ja, aber das ist nur der Körper. Der Kopf ist blitzwach, voller Lust an Pointen im Gespräch mit Hoffmann-und-Campe-Verleger Günter Berg.

Der hat noch eine Überraschung parat und liest aus einem zweiten Tagebuch, das Lenz' Abflug nach Amerika schildert. Es stammt von dem Mädchen mit der Gitarre, das den Schriftsteller am Flughafen Hamburg erkannte, in London wiedertraf. "So zärtlich war Suleyken" lag unerreichbar im schon verladenen Gepäck, Autogramm darin also unmöglich. Sie spricht ihn trotzdem an, mit einer Anspielung auf "Suleyken" - dort heißt es: "Willst Lakritz?" Man unterhält sich, passt gegenseitig aufs Gepäck auf, dann geht der Flieger.

Das Mädchen heißt heute Antje Raschke, wohnt in Rotenburg/Wümme. Sie hat sich im Buch entdeckt, ist zur Erstlesung da, natürlich mit "Suleyken", ihrem Reiseexemplar von 1962. Jetzt, 50 Jahre später, bekommt sie ihr wohlverdientes Autogramm.

Siegfried Lenz: "Amerikanisches Tagebuch 1962", Hoffmann u. Campe, 160 Seiten, 19,99 Euro (auch als Hörbuch erhältlich, gelesen von Lenz und Burghart Klaußner); www.hoffmann-und-campe.de

Siegfried Lenz liest aus dem amerikanischen Tagebuch. Einzige öffentliche Lesung: So 21.10., 11.00, Thalia-Theater, Alstertor 1 (U Jungfernstieg). Karten unter T. 040/48 09 30 sowie in allen Heymann-Buchhandlungen. Der Eintritt kostet 6 bis 20 Euro.

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