02.08.12

US-Schriftsteller

Gore Vidal - Ein Meister der Provokation

Der Autor Gore Vidal ist mit 86 Jahren in Kalifornien gestorben. Er schrieb das Drehbuch zu "Ben Hur" und viele Romane, die polarisierten.

Foto: dapd/DAPD
Gore Vidal (l.) im August 1960 während einer Wahlkampagne mit dem späteren US-Präsidenten John F. Kennedy
Gore Vidal (l.) im August 1960 während einer Wahlkampagne mit dem späteren US-Präsidenten John F. Kennedy

Hamburg. Statt bedächtig und abwägend zu formulieren, liebte er zugespitzte Urteile. Gore Vidal war geistvoll und respektlos, setzte mit Lust auf Provokation und legte sich zeitlebens gern mit Autoritäten an. Jetzt ist der amerikanische Schriftsteller, Essayist, Dramaturg und Drehbuchautor im Alter von 86 Jahren gestorben. Wie seine Familie mitteilte, erlag er am Dienstag in seinem Haus in Hollywood Hills bei Los Angeles den Folgen einer schweren Lungenentzündung.

Im amerikanischen Kulturbetrieb war Gore Vidal eine Größe, mit der man stets rechnen musste. Er war weit über die Literaturszene hinaus bekannt und populär, galt als ebenso streitbar wie umstritten, gerade weil er die biederen Selbstgewissheiten, die Prüderie und Bigotterie der amerikanischen Gesellschaft immer wieder infrage stellte. Dabei stand er mit seiner ironischen und manchmal auch zynischen Weltsicht in bester amerikanischer Tradition, als Seelenverwandter von Autoren wie Mark Twain oder Henry Louis Mencken. Dass er das politische und kulturelle Establishment so treffsicher und scharfzüngig zu attackieren vermochte, lag nicht zuletzt an seiner eigenen Herkunft. Er gehörte selbst einer der großen und einflussreichen amerikanischen Familien an und war mit dem Kennedy-Clan verwandt.

Geboren wurde er am 3.Oktober 1925 als Eugene Luther Vidal in West Point. Sein Großvater war der blinde Politiker Thomas Pryor Gore. Weil er dessen Lebensmut und Durchsetzungskraft bewunderte, nahm der Enkel dessen Nachnamen später als Vornamen an: So wurde aus Eugene Luther Vidal schließlich Gore Vidal. Auch mit dem ehemaligen demokratischen Vizepräsidenten und gescheiterten Präsidentschaftskandidaten Al Gore bestand eine weitläufige Verwandtschaft.

+++ Vorsicht bissig: Die besten Zitate des scharfzüngigen Gore Vidal +++

Nachdem die Ehe der Eltern scheiterte, heiratete seine Mutter, die Schauspielerin Nina S. Gore, den Börsenmakler Hugh Dudley Auchincloss, der später auch der Stiefvater von Jacqueline Kennedy wurde.

Schon als Zögling der Phillips Exeter Academy, einer ebenso berühmten wie teuren Eliteschule in New Hampshire, begann Gore Vidal, sich politisch zu engagieren. Er wurde Anhänger des America First Committee (AFC), das sich strikt gegen den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg wandte. Als sich das AFC nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor auflöste, beschuldigte Vidal den damaligen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, er habe den Angriff bewusst provoziert. Schon früh war sich der junge Mann seiner Rolle als "schwarzes Schaf" der Gore-Dynastie bewusst.

Trotzdem trat er in die US Army ein und debütierte, nachdem er einige Zeit als Erster Maat auf einem Transportschiff gefahren war, 1946 mit dem Roman "Williwaw", in dem er seine Kriegserlebnisse literarisch verarbeitete. Für einen handfesten Skandal sorgte zwei Jahre später sein nächstes Buch mit dem Titel "Der geschlossene Kreis", in dem er sich nicht nur für Homosexuelle einsetzte, sondern auch seine eigene homophile Neigung erkennen ließ. Heute gilt dieser Roman als eines der ersten Werke in der Literatur des 20. Jahrhunderts, in denen Homosexualität offen thematisiert wird. Die Reaktionen darauf waren heftig: Der Chefkritiker der "New York Times" war darüber so empört, dass er Vidals Werke jahrelang boykottierte.

Doch auf Dauer konnte man das literarische Multitalent nicht ignorieren. Gore Vidal schrieb nicht nur Romane, sondern auch Essays, Theaterstücke und Drehbücher, darunter auch (gemeinsam mit Karl Tunberg) das Skript für den 1959 produzierten Historien-Schinken "Ben Hur".

+++ Mitverantwortlich für "Ben Hur": Autor Gore Vidal ist tot +++

Schon seit den 1960er-Jahren lebte Vidal mit seinem Lebenspartner Howard Austen überwiegend in Italien, meldete sich aber mit Zeitungsbeiträgen, Interviews und Fernsehauftritten zu politischen und kulturellen Fragen in den USA zu Wort. Selbstverständlich gehörte er zu den Gegnern des Vietnam-Krieges, wie er überhaupt die amerikanische Außenpolitik als aggressiv, expansiv und kriegslüstern verurteilte. "The Best Man" heißt eines seiner erfolgreichsten Dramen, das später mit Henry Fonda in der Hauptrolle verfilmt wurde. Darin setzt er sich gnadenlos mit dem amerikanischen Politikbetrieb auseinander.

Was ihn freilich nicht davon abhielt, sich selbst mehrfach aufs politische Feld zu begeben. Mit dem Slogan "You'll get more with Gore" ("Gore bietet Ihnen mehr") bewarb er sich 1960 als demokratischer Kandidat erfolglos um einen Sitz im Repräsentantenhaus. Ebenso erfolglos war er 1970 als Mitbegründer einer linksliberalen Partei. Und auch 1982 scheiterte er in Kalifornien als Kandidat bei den Vorwahlen für den Senat. Aber mit dem amerikanischen Parteiensystem hatte er ohnehin nichts mehr im Sinn, in beiden Großparteien sah Vidal nur Interessenvertreter der multinationalen Großkonzerne. Die Radikalität seiner Kritik trug dazu bei, dass er in weiten Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit politisch nicht mehr ernst genommen wurde. Als einer der brillantesten und vielseitigsten Autoren der USA behielt er jedoch beträchtlichen Einfluss.

Er schrieb mehr als 20 Romane, unter anderem zu historischen Themen, zwölf Bände mit Essays und zahlreiche Drehbücher. Welterfolge wurden "Julian", eine glänzende Romanbiografie über den letzten heidnischen römischen Kaiser, der Roman "Myra Breckinridge", in dem es um Geschlechtsumwandlung geht, und seine Autobiografie "Palimpsest".

Obwohl er auch in der Bundesrepublik seit Langem eine große Lesergemeinde hat, urteilte Gore Vidal noch 1993: "Lange war ich eine Unperson in Deutschland - wie jeder Kritiker des amerikanischen Imperialismus, dessen östlichste Provinz Deutschland war."

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