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Bücher

Band 10: Brigitte Kronauer - Teufelsbrück

Teufelsbrück

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Das Buch

Eine nicht ganz herrschaftliche Villa im Alten Land an der Elbe. Zara wohnt hier, mit ihrer einzigartigen Schuhsammlung und tropisch bepflanzten Vogelvolieren. Und mit Leo, dem etwas undurchsichtigen Finanzjongleur mit kriminellem Charisma. Als Maria, die Erzählerin, dort eines Tages ihren ersten Besuch macht, ist sie bald gefangen in einem Netz interessanter Intrigen, deren Verlockungen sie sich gern ergibt. Neun Abende lang erzählt Maria, hören wir der Geschichte einer Leidenschaft zu. Hals über Kopf und hochbewusst stürzt sich Maria in ein Abenteuer mit Leo. Amüsiert schaut sie zu, wie ihr Vorortleben – mit Einkaufszentrum, lieben Freunden und wohlmeinenden Anbetern – eine lustvolle Beschleunigung bekommt: Soireen in gemischter Gesellschaft, Liebesnächte und eine erotische Tour nach Heidelberg. Und doch hat sie das Gefühl, nicht ganz die Herrin dieser Geschichte zu sein. Spät, in den verschneiten Bergen eines Schweizer Alpendorfs, erkennt Maria die Wahrheit hinter den Ereignissen –die Regie. Und sie fürchtet den Augenblick, in dem es mit ihrem Bericht ein Ende hat ...


Die Autorin

Brigitte Kronauer, 1940 in Essen geboren, lebt als freie Schriftstellerin in Hamburg.

Ihr schriftstellerisches Werk wurde unter anderem mit dem Theodor-Fontane-Preis der Stadt Berlin, mit dem Heinrich-Böll-Preis, dem Hubert-Fichte-Preis der Stadt Hamburg und dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet. 2004 erschien ihr von der Kritik gefeierter Roman »Verlangen nach Musik und Gebirge«. 2005 wurde ihr der Georg-Büchner-Preis der Darmstädter Akademie verliehen.

Das sagt die Redaktion

Hören Sie mir zu! Lauschen Sie mir, so wie meine geheimnisvolle Zuhörerin in jenem Hotel im Hochgebirge es neun Abende lang tut, das ganze Buch hindurch. Ergeben Sie sich den Wortkaskaden, den Bildern von einem Hamburg so tropisch, gefiedert und dekadent, wie Sie es nicht kannten. Folgen Sie mir, wenn ich von Zara erzähle, der Königin der grün tirilierenden Abgründe, die meine erotischen Verstrickungen beherrscht und sogar meine Fantasien.

Auch meine Schöpferin Brigitte Kronauer lebt in Hamburg. Das echte Hamburg aber spielt in dem Roman „Teufelsbrück“ eher eine Statistenrolle. Es dient als bundesbürgerlicher Kontrast zu der urwaldgleichen Welt, in die ich mich habe locken lassen, lustvoll betört, bedenkenlos.

Maria Fraulob heiße ich, bin vielleicht Mitte dreißig, habe Locken und eine hübsche Nase. Ich lebe von Witwenrente und selbst gemachten Blumenbroschen und wohne im Hamburger Westen. Statt Elbchaussee oder Parkstraße heißen die Straßen bei mir Geranienweg oder Taubnesselstieg. Ganz in der Nähe ist das EEZ,%Elbe-Einkaufszentrum, in dem die Geschichte ihren Anfang nimmt.

Dort stoße ich mit einem Paar zusammen. Ich lande in den Armen eines, scheint mir, eleganten Verbrechers. Leo. Und bin doppelt verhext: vom Gurren, dem grell geschminkten Mund und den Schlangenpumps der Frau und von der lasziven Bleichheit ihres wesentlich jüngeren Liebhabers. Natürlich folge ich der Einladung, die Schuhsammlung in ihrer Villa im Alten Land anzusehen. Eine Bedingung gibt es: Ich muss die HVV-Fähre von Teufelsbrück nehmen.

Es werden regelmäßige Besuche daraus. Stets lauere ich darauf, Leo näherzukommen. Ich bin fasziniert von Zara, die vor meinen Augen ungeniert ihren Körper herrichtet – für Leo, wie ich annehmen muss, was aber nicht stimmt –, und mir gleichzeitig bedeutet, dass sie den Zweck meiner Besuche durchschaut. Immer tiefer zieht es mich in das schwüle Innenleben des alten Hauses hinein. Die Satinbänder, Riemchen und Schnallen von Zaras Schuhen, dazu gemacht, gelöst zu werden, nehmen mir den Atem; die Besichtigung der Voliere mit kostbaren Vögeln und ein paar Berührungen von Leo raubt mir fast den Verstand. Ziküth, ziküth, zwitschert es durch das Buch, vier, fünf, wie süß, Licht kühl, i – ü.

In jener Villa nun treffen sich die Hauptpersonen des Romans in immer neuen Konstellationen. Viel wird geliebt – oder sagen wir: begehrt? Und wenig erwidert. Wolf Specht, der scharfzüngig-melancholische Hobbydichter, liebt mich. Ich liebe Leo. Sophie, die Bibliothekarin mit dem vor Gefühlen überschäumenden Riesenbusen, liebt Leo auch. Leo, Zaras Privat8immobilienfinanzmanager, liebt Zara. Und Zara vor allem sich selbst.

Es muss erst ein ausschweifendes Fest geben, von Zara sorgfältig inszeniert, damit ich Leo kriege. Für Momente nur, samt Ausflug nach Heidelberg. Aber glauben Sie nicht, ich wollte Verlässlichkeit von ihm! Das Spielerische, Uneindeutige reizt auch mich. Es mag so aussehen, als hätte ich keine Wahl. Das liegt nur daran, dass er es ist, der den vagen Rhythmus unserer Treffen bestimmt, amüsiert und geschmeichelt.

Genauso amüsieren ihn Sophies eks8tatische Aufwallungen. Da kann man sich schon mal eine Tändelei erlauben. Dass Leo sich keine Gedanken darüber macht, was sein schlichter Kuss in Sophies schwärmerischem Busen auslöst, wird ihm aber schlecht bekommen. Am Schluss gibt es einen hamletartigen Kahlschlag, bei welchem Wolf Specht, wohlverpackt in Psychopharmaka, noch vergleichsweise gut wegkommt.

Es wuchern nicht nur die Pflanzen in der Voliere, es wuchert auch die Sprache. Kleine Szenen dehnen sich über Dutzende von Seiten; die Sätze stürzen, schäumen und nebeln wie Wasserfälle. Die literarischen Anspielungen drängeln sich; Friedrich Hölderlins Ode an Heidelberg grüßt herüber, E.T.A. Hoffmanns Märchen „Der goldene Topf“ und das Marienlob aus der Lauretanischen Litanei. Wo ich doch Maria Fraulob heiße.

Kein Motiv, keine Wendung ist zufällig. Vögel, Schuhe und Füße tauchen allenthalben auf. In einer Wachspuppe mit den Zügen einer Chinesin verschmelzen sie. Die Puppe spreizt anzüglich ihr Bein ab. „Vögelfüßchen“, sagt Zara über den winzigen Fuß; das Einbinden der Füße sollte die Libido der Frauen stärken.

Die raffinierten Vexierspiele hypnotisieren uns alle – Sie hoffentlich so wie mich, wie uns Romanfiguren. Zara aber hält die Fäden in der Hand. Am siebten Abend gibt sie sich andeutungsweise zu erkennen. Ihr Tirilieren zieht mich hinaus in den Schnee, in die Fühllosigkeit, die Selbstauflösung, das Einswerden mit der weißen Unendlichkeit – den Tod? Wer weiß es, ziküth, ziküth?


Hellmuth Karasek

Hellmuth Karasek meint

Im Jahr 2000, als Brigitte Kronauer ihren Roman „Teufelsbrück“ veröffentlichte, standen die gewaltigen Einkaufszentren Hamburgs noch in frischer Blüte und Pracht, gläserne Laden in gläsernen Läden, Rolltreppen, Buchläden, Schuhläden, der Duft von Brotwüsten von nebenan.

Damals gab es zum Beispiel das Alstereinkaufszentrum und die gigantische Mundsburg und das „EEZ“ (wie das erste Kapitel heißt), das Elbe-Einkaufszentrum, in dem ihre Heldin Maria Fraulob vor einem Schuhladen stolpert und fällt – und sich beim Sturz in einen diabolischen Mann verliebt, während sie Vogelgezwitscher hört. Sie erhält eine Einladung ins Alte Land, via Teufelsbrück, mit der Fähre!

Doch ihre Reise zum Geliebten und Erwünschten verzögert sich; sie ist gleichwohl eine Flucht aus der nüchternen Welt der Werften und Schuhkartons in eine mystisch-romantische Welt, für die der Dichter E.T.A. Hoffmann auch mit einem Elbe-Märchen, und zwar aus Dresden, Pate gestanden hat: mit seiner Erzählung „Der goldene Topf« (von 1814). Ähnlich wie Hoffmann versucht Kronauer eine Welt der Volieren (eher Vogelkäfige), der sexuellen Obsession und Fußverkrüppelungen gegen die moderne Kaufhauswelt abzusetzen, legitimiert durch den Übergangspunkt „Teufelsbrück“, wo die schwarze Romantik beginnt und es, mitten im nüchternen Hamburg, zu Intrige, Liebe, Mord und Liebestod kommt.

Nimmt man Kronauers Ironie ernst, kommt es im Ortswechsel nur zum Zerplatzen schillernder Seifenblasenblasen. Aber auch so etwas soll unheimlich sein! Eine Hadesfahrt ins Alte Land!

 

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