26.02.13

Machtwechsel

Machiavelli wüsste, was in Italien zu tun ist

Vor 500 Jahren schrieb Machiavelli "Der Fürst". Darin erklärt der Staatsmann, was Macht ist, und dass man streng pragmatisch regieren muss. Seinem Rat folgen Herrscher von den Medici bis zu Stromberg.

Von Marc Reichwein
Foto: action press

Die Nachwelt hat Niccolo Machiavelli (1469 - 1527) gern Amoralität vorgeworfen. Als ob er ungebrochen propagierte, was er beschreibt. Wer genau liest, sieht, dass er nicht für fürstliche Willkür plädiert, sondern für Tüchtigkeit und Fortune
Die Nachwelt hat Niccolo Machiavelli (1469 - 1527) gern Amoralität vorgeworfen. Als ob er ungebrochen propagierte, was er beschreibt. Wer genau liest, sieht, dass er nicht für fürstliche Willkür plädiert, sondern für Tüchtigkeit und Fortune

Regierungsbildung beinahe ausgeschlossen. Keine klaren Mehrheiten. Die politischen Lager zerstritten. Nach den italienischen Parlamentswahlen regiert anscheinend wieder mal die Unregierbarkeit. Wie es besser ginge, weiß ausgerechnet ein Italiener schon seit fünfhundert Jahren: Niccolò Machiavelli.

Wer sein 1513 entstandenes Werk "Il Principe" – zu deutsch: "Der Fürst" – in diesen Tagen aufschlägt, hat lauter Aha-Erlebnisse. Machiavelli sieht "Italien in das Endstadium geraten". Und er mahnt: "Man sollte die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, damit Italien nach so langer Zeit seinen Retter erblickt."

Wenn es ihn nur gäbe! findet Machiavelli. Zwar hatte er mit seiner Schrift qua Widmung einen ganz bestimmten Fürsten im Visier (einen Medici natürlich), doch er wollte durchaus grundsätzlich klären, warum Italien jetzt von den Polit-Barbaren befreit werden muss und "Was ein Fürst tun muss, um Ansehen zu gewinnen". Wie kann und soll man überhaupt noch richtig regieren?

Wie ein zeitloses FDP-Programm

Man kann in Machiavellis berühmter Schrift "Der Fürst" durchaus Antworten finden, zum Beispiel ein zeitloses FDP-Programm: Besitz schützen, Handel fördern, Steuern mäßigen. Rahmenbedingungen schaffen, unter denen sich privater Wohlstand erwirtschaften lässt. Grundideen guter Staatsführung veralten auch in fünfhundert Jahren nicht. Doch Klagemuster über zu viel schlechten Staat anscheinend ebenso wenig.

Machiavelli hatte 1513 triftigen Grund, so politikverdrossen wie 2013 zu sein. Die politischen Verhältnisse in seiner Heimatstadt waren ziemlich verworren: Der aus einer Beamtenfamilie stammende Machiavelli (1469-1527), der die Republik Florenz seit 1498 als Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten in zahlreichen diplomatischen Missionen vertreten hatte, europäische VIP's der damaligen Zeit getroffen und die Wiedereroberung Pisas mit militärischen Mitteln organisiert hatte, dieser Machiavelli wird mit 48 Jahren plötzlich Privatier.

Die an die Macht zurückgekehrten Medici wechseln das politische Spitzenpersonal aus und schicken ihn ins Exil. So findet er sich ab März 1513 unfreiwillig auf seinem Landgut wieder: Nur zwölf Kilometer von der Macht entfernt verbringt er seine Tage mit Kartenspielen und Backgammon im Wirtshaus. Dorftratsch statt Diplomatentalk ist angesagt.

Doch heimlich lebt der entmachtete Polit-Profi seine Laufbahn fort, denn in seiner häuslichen Bibliothek exzerpiert Machiavelli allabendlich antike Gedanken über Politik und Staatsführung, bekannt geworden unter dem Titel "Discorsi". "Vier Stunden lang endlich mal kein Kummer", schreibt er einem Freund über diese ABM am Abend. In diesem Kontext entsteht auch sein berühmtes Traktat über den Fürsten. Beachtlich, wie larmoyanzfrei es trotz der persönlichen Umstände geraten ist.

Vielleicht muss man Macht erst einmal verlieren, um ihre Mechanismen so zu sezieren, dass die Rede davon heute quasi einschlägig erscheint: Der Zweck heiligt die Mittel. Kränkungen im Machtgefüge wirken nachhaltiger als Schmeicheleien. Du darfst nicht immer mit offenen Karten spielen. Du kannst es nicht allen recht machen. Du brauchst Feinde, um deinen eigenen Ruhm zu mehren. Du solltest die Durchsetzung unliebsamer Maßnahmen anderen übertragen. Du brauchst Kritiker, solltest aber trotzdem nicht auf alle hören – und so weiter und so fort.

Der Erfinder der Staatsräson

Vieles, eigentlich alles, was bis heute zum kleinen Einmaleins des Machterwerbs und Machterhalts gehört – übrigens nicht nur in politischen Belangen –, steht zuerst bei Machiavelli. Sein Fürst ist der Prototyp des Machthabers. Skrupellos, durchtrieben und bei Bedarf sogar gewalttätig. Ja, ihr lieben Humanisten: Man stellt sich den Renaissancemenschen immer gern idealisiert vor. Universal gebildet, von früh bis spät entdeckend, wie edel die Antike war.

In Wahrheit hatte das Zeitalter Machiavellis die Doppelmoral ziemlich perfektioniert. Es gab genügend Beispiele, wo Wasser gepredigt und Wein getrunken wurde – nicht zuletzt im Kirchenstaat, wo geistliche Würdenträger ihre Macht sehr weltlich ge- und missbrauchten. Zugleich gab es christliche oder humanistische Tugendbolde in Schriften zuhauf – berühmt wurde später Baldassore Castigliones Buch über den "Hofmann".

Nein, Machiavellis Fürst wollte keine weitere solche Idealfigur sein. Sondern ein Macht-Mensch, wie er realiter tickt – und ticken muss, wenn er an der Macht bleiben will. Machiavelli – das war das Neue – denkt menschliche Macht ohne Gott.

Damit erfindet er das, was man heute Staatsräson nennt: Zuletzt waren Angela Merkel und der Rücktritt ihrer Ministerin Schavan ein gutes Beispiel dafür, wie rationales Handeln jenseits aller Empfindlichkeiten und Freundschaften funktionieren kann und muss, wenn politische Herrschaft nicht gefährdet werden soll.

Machiavellis "Fürst" ist ein Crashkurs in pragmatischer Politik. Von einer "Bewerbungsschrift um die Wiederverwendung als Politikberater" spricht der Politologe Herfried Münkler. Das trifft historisch zu, denn tatsächlich beriefen die Florentiner Machiavelli ab 1519 in ihre diplomatischen Dienste zurück, und die Medici beauftragten ihn später mit einer Geschichte der Stadt Florenz. Daneben verfasste er eine Abhandlung über Kriegskunst und Komödien.

Tüchtigkeit statt fürstlicher Willkür

Erstaunlich: Hier gedeiht eine schriftstellerische Karriere erst durch die Verlegenheit einer Außerdienststellung. Und "Der Fürst" ist ein Text, so pragmatisch, so nüchtern in der Sache, dass viele ihn gefeiert, andere ihn aber auch als verderbliches Lehrbuch verdammt haben.

Die Nachwelt hat Machiavelli gern Amoralität vorgeworfen. Als ob er ungebrochen propagierte, was er beschreibt. Wer genau liest, sieht, dass Machiaviallis Büchlein nicht für fürstliche Willkür plädiert, sondern für Tüchtigkeit und Fortune. Nichtsdestotrotz zieht sich das Schlagwort "Machiavellismus" diffamierend durch die Kulturgeschichte.

Besonders perfide verdrehte es Friedrich der Große von Preußen. Den Worten nach ein "Anti-Machiavel", gebärdet er sich den Taten nach als Machiavellist der übleren Kategorie. Womit Machiavelli am Ende Recht behält: Staatslenker und Politiker sollen nicht so tun, als seien sie gut; sie sind es nicht – aber sie sind es auch nicht weniger als ihre Untertanen. Machiavellis Menschenbild ist nicht pessimistisch, sondern realistisch.

Besonders eindringlich wirkt seine Anleitung zum praktischen Herrscherhandeln da, wo er abschnittsweise ins Du abtriftet und seine Zielgruppe wie ein persönlicher Coach anspricht: "Alle sehen, was du scheinst, aber nur wenige erfassen, was du bist". Er weiß, wie sehr Politiker zur Imagepflege verdammt sind. Und er schärft den Blick für Macht und ihre Maskeraden.

Ein Power-Point-Performer für heute

Dass dieser fünfhundert Jahre alte Text immer noch frisch wirkt, liegt am zeitlosen Thema. Aber auch an der klaren Sprache – der Stringenz, mit der Machiavelli seine Best Practise-Beispiele bespricht, ohne sich in Exkursen zu verlieren. Was für eine Systematik! Machiavelli schreibt so, als hätte er schon vor fünfhundert Jahren gewusst, wie dankbar ihn Manager – die Fürsten von heute? – dereinst zitieren würden.

Das Buch wimmelt nur so von Stellen, wo er auf den Punkt kommt. Ständig hier "zwei Beispiele" und dort "drei Methoden", hier "fünf Fehler" und dort etwas, das "auf vierfache Weise zu sichern" ist. Kurzum: Machiavelli schreibt so pointiert, dass ihn auch die Power Point Performer von heute noch problemlos verstehen.

Sicher ist auch, dass die Machiavelli-Rezeption längst von der Kernbotschaft der Staatsräson wegführt: Machiavellismus als Habitus gibt's in allen gesellschaftlichen Konfektionsgrößen. Wo immer Macht und Führungswissen in Ratgebern verhandelt wird, ist Machiavelli nicht weit.

Von Machiavelli bis Stromberg

Sein Name hat sich – ähnlich wie der von Knigge – verselbsständigt, ist vom "Machiavelli für Frauen" bis zum Motto "Führen wie der Alte Fritz" zur Allzweck-Marke für Machtkalkül geworden: Ja, selbst Serienhelden aus dem leitenden Angestelltenmilieu kennen bekanntlich keine Skrupel, sondern nur ein Mantra: "Büro ist Krieg".

Wie schön, wenn das reale Machiavelli-Leben dann auch am weiteren "Stromberg"-Drehbuch mitschreibt: Denn wurde nicht auch er als abgesetzter Abteilungschef der Capitol Versicherung aufs Land versetzt? Die schier räumliche Semiotik der Entmachtung (Von St. Helena bis Finsdorf!) gerät im Zeitalter unserer "LandLust" gern vergessen.

Und Machiavelli? Kurios, wie ein kaltgestellter Beamter sich mit der schieren Macht glasklarer Worte in den Dienst zurück- und in die Literaturgeschichte eingeschrieben hat. Es wäre toll, wenn italienische Politiker – gleich welcher Coleur – sich gerade in diesen Tagen mal wieder an Machiavellis Begriff der Tüchtigkeit erinnerten.


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