Der Tenor singt in Hamburg eine "Riesenpartie"
Michael Schade: "Mich fasziniert die innere Reise"
Michael Schade singt an den wichtigsten Opernhäusern. An der Staatsoper ist er als Gustav von Aschenbach in Brittens „Death in Venice" zu hören.
Der Opernsänger Michael Schade als Gustav von Aschenbach in der Hamburgischen Staatsoper.
Foto: DPA
Hamburg.
Zum Interview bringt Michael Schade seine Frau Dee und seine zweijährige Tochter Eva mit, die dann aber so lange herumquengelt, bis sie mit ihrer Mutter Eisessen gehen darf.
Abendblatt: Das beruhigt mich ja, dass auch Opernstars mit alltäglichen Familienproblemen konfrontiert sind.
Michael Schade: Tja, wie man eine Zweijährige kontrolliert, weiß ich nach acht Kindern immer noch nicht.
Abendblatt: Hauptsache, Sie wissen Ihre Stimme zu kontrollieren. In „Death in Venice“ singen Sie zweieinhalb Stunden quasi ununterbrochen. Wie bewältigt man so eine Riesenpartie?
Schade: Ich würde ihnen gerne erzählen, dass ich mich seit Jahren auf die Rolle vorbereite. Aber ich habe eine Mammutsaison hinter mir, mit Engagements an der Metropolitan Opera und in Toronto, und musste die Partie in schrecklich kurzer Zeit lernen. Ein Freund sagte: „Bist Du verrückt? Die Rolle ist länger als der Tristan!“
Abendblatt: Was ist denn an dieser Rolle besonders schwierig?
Schade: Die freien Rezitative sind mit das Schwerste, was ich je habe lernen müssen. Oft gibt es keine Begleitung; der Sänger trägt die gesamte Harmonik. Ich fange auf einem Ton an und muss auf irgendeinem anderen landen.
Abendblatt: Wie geht es also?
Schade: Das Wichtigste ist, Brittens harmonische Sprache zu verstehen. Wenn man die einmal begriffen hat, geht es fast von selbst.
Abendblatt: Sie gelten als Mozart-Tenor. Ist es für Sie besonders mühsam, sich Britten anzueignen?
Schade: Nein, auch bei Britten erkennt man sofort eine fast Mozart’sche Liebe für den Sänger. Außerdem hatte ich das große Glück, in Toronto mit dem Musikprofessor Stephen Ralls arbeiten zu dürfen, der in der Uraufführung 1973 Klavier gespielt hat. Das Team der Hamburger Oper hat mir auch sehr geholfen – selten habe ich so hart gearbeitet wie bei dieser Produktion.
Abendblatt: Bei so großen Partien ist die richtige Krafteinteilung wichtig. Schonen Sie sich in der ein oder anderen Szene?
Schade: Nein, aussteigen kann man nie, das hört das Publikum sofort. Man muss den großen Bogen über die gesamte Oper spannen. In diesem Fall geht die Dramaturgie mit meiner Krafteinteilung einher: Am Anfang gehalten, am Ende voll aufdrehen.
Abendblatt: Sie müssen gleichzeitig singen und schauspielern. Was ist anstrengender?
Schade: Schwer zu sagen. Die Rolle stellt hohe sängerische Anforderungen. Es ist aber unheimlich schwer, diesen Charakter des Aschenbach emotional aufzubauen.
Abendblatt: Was reizt Sie an dieser Rolle?
Schade: Mich faszinieren Rollen, bei denen der Charakter eine innere Reise durchmacht. Aschenbach ist ein Arbeitstier. Aber er gerät in eine Sackgasse, eine Art Midlife Crisis. Was mache ich hier und warum? Das bringt sein ganzes Ideal durcheinander.
Abendblatt: Muss man erst selbst eine Existenzkrise durchlaufen haben, um den Aschenbach singen zu können?
Schade: Natürlich braucht man Lebenserfahrung, um reflektieren zu können. Ein 17-Jähriger würde wohl nicht in so einer Krise stecken – der duscht kalt und verliebt sich neu. Mit meinen 44 Jahren bin ich selbst an der unteren Altersgrenze der Rolle, aber glaube, ich habe genug erlebt, um sie singen zu können.
Abendblatt: Entwickeln Sie sich jetzt vom lyrischen Mozart-Tenor über Britten zum Wagner’schen Heldentenor?
Schade: Ich zähle nicht die Tage bis zum ersten Lohengrin. Das ist doch keine Olympiade, bei der man beweisen muss, auch in der Schwergewichtsklasse antreten zu können!
Abendblatt: Ein Element der Hamburger Inszenierung sind riesige Windmaschinen. Erkältet man sich da nicht?
Schade: Zum Glück stehe ich nicht so oft im Luftzug.
Weitere Vorstellungen von "Death In Venice": 5.5. + 10.5., 19.30 Uhr, Staatsoper





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