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Kultur & Live

Gastbeitrag: Günter Berg im Abendblatt

Verschwindet das Buch im Netz?

Die Ansichten über die Zukunft der Buchkultur gehen in diesen Tagen erstaunlich weit auseinander. Auf der einen Seite haben wir es mit dem Kulturgut...

Die Ansichten über die Zukunft der Buchkultur gehen in diesen Tagen erstaunlich weit auseinander. Auf der einen Seite haben wir es mit dem Kulturgut Buch zu tun, das über viele Hundert Jahre sehr gut funktioniert hat, seine Form kaum verändert hat, haltbar und nachhaltig ist. Auf der anderen Seite drängen die elektronischen Inhalte, drängt das geballte digitale Wissen der Welt, ins Internet gestellt von Google und anderen, in jedes angeschlossene "Endgerät". Die Autoren und Verleger in Deutschland haben reagiert. Weit über tausend von ihnen begehren gegen die scheinbar unbeschränkte Verfügbarkeit urheberrechtlich geschützten Materials auf, wehren sich gegen die völlig unkontrollierte Ausbeutung ihrer Arbeit. Unter dem Stichwort "Open Access" mischen sich wichtige Forschungsinstitutionen in die Diskussion ein mit dem Argument, öffentlich geförderte Forschungsergebnisse müssten auch jedermann unbeschränkt und unentgeltlich zur Verfügung stehen.

Ich möchte hier gar nicht über Gebühr betonen, wie komfortabel ein "normales" Buch ist. Ich möchte auch nicht die Vorteile eines elektronischen Lesegeräts abwägen (sei es von Sony, von Amazon oder ein iPhone, alles Endgeräte, die in der Diskussion und für jeden erwerbbar sind). Ich möchte auf den einzigen Knackpunkt der ganzen Diskussion hinweisen - nämlich auf den Respekt vor der Leistung der Autoren und der Verlage in diesem Land, die die Arbeit der Autoren begleiten, sie beraten, korrigieren und für die Qualität der Publikationen bürgen.

Das deutsche Verlagswesen ist einmalig in der Welt. Nirgendwo sind Bücher sorgfältiger lektoriert und kompetenter hergestellt. Nirgendwo wird so skrupulös gearbeitet wie in deutschen Lektoratsstuben, und in kaum einem Land konnte sich das Buch als "geheiligte Ware" (Brecht) seine kulturelle Stellung derart bewahren wie in Deutschland.

Nur weil Bücher unsere Tradition und Kultur aufbewahren und spiegeln, sind sie das Rückgrat eines sonst labilen und weitestgehend manipulierbaren Mediums. Nur deshalb ist die deutsche wie die internationale Buchkultur so interessant für einen Giganten wie Google.

Weil das Buch das Basismedium unserer Kultur ist, weil wir unsere Autoren so hoch schätzen und weil die deutschen Verlage Bücher auf höchstem Niveau herzustellen und zu verbreiten imstande sind, ist es ein Unding, die hier erarbeiteten Inhalte als frei verfügbare, von ihren Urhebern losgelöste Masse zu betrachten.

Es bedarf internationaler Gesetze zum Schutz des geistigen Eigentums, zur Sicherstellung der Rechte des Urhebers an seinem Text. Daran darf nicht gedeutelt werden; die Initiative von Google, ohne Rücksprache mit den Autoren und Verlagen zunächst "Fakten" zu schaffen, ist alles andere als glücklich.

Bei aller Faszination für die neuen Medien und den geäußerten kulturpessimistischen Aussichten erinnere ich gern an Herbert Marshall McLuhan. Der kanadische Medientheoretiker machte Anfang der 70er- Jahre von sich reden mit seiner These von der Gutenberg-Galaxis und vom Ende des Buchzeitalters. McLuhan prophezeite das Ende des Buchs innerhalb von ungefähr zehn Jahren. Zehn Jahre später war Marshall McLuhan tot - und das Buch existiert bis heute.


Günter Berg studierte Germanistik, Politik und Philosophie. 1990 kam er zu Suhrkamp, wo er 2001 Geschäftsführer und Verlagsleiter wurde. Seit 2004 ist er Geschäftsführer von Hoffmann und Campe in Hamburg.

 

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