Verlagshaus: Widerstand gegen den rigiden Sparkurs bei Gruner+Jahr wächst
Plötzlich weht ein rauer Wind auf dem Sonnendeck
Vertreter der Journalistenverbände warnen vor "publizistischem Einheitsbrei".
Hamburg. Man müsse "den Leuten auf dem Sonnendeck sagen, dass sie ihre Liegestühle und Drinks beiseitestellen müssen".
Das Zitat wird Bernd Buchholz, Chef der deutschen Zeitschriften bei Gruner+Jahr, zugeschrieben, gefallen sei es vergangene Woche auf einem Verlegertreffen. Das Bild - so zynisch es auch sein mag - passt immerhin zu der Architektur des Verlagshauses, das am Hamburger Hafen in Form eines Schiffs gebaut wurde. Dieser steinerne Riesentanker war in den letzten Jahren nur selten raueren Winden ausgesetzt, doch jetzt fegt ein Orkan über alle Decks. Angesichts der Anzeigenkrise seien schmerzliche Eingriffe beim Personalbestand unerlässlich, heißt es aus den Vorstandsetagen. Das gab es in dem liberalen Hamburger Verlag, bisher auf sozialen Konsens ausgerichtet, so noch nie.
Wie berichtet, plant der Verlag, die Wirtschaftsmedien aus Köln ("Capital", "Impulse") und München ("Börse online") in Hamburg unter dem Dach der "Financial Times Deutschland" (FTD) zu einer gemeinsamen G+J Wirtschaftsredaktion mit 250 Mitarbeitern zusammenzulegen. Den bisher Beschäftigten wird zunächst betriebsbedingt gekündigt, die neue GmbH in Hamburg entscheidet, wen sie wieder einstellt. 60 Arbeitsplätze sollen definitiv wegfallen. Innerhalb der Redaktion drohen schlechtere Arbeitsbedingungen, weil die FTD als einziges Blatt von Gruner+Jahr ohne Tarifbindung ist.
Gegen den neuen Kurs wächst nun der Widerstand. Laut "Spiegel" wollen die Redaktionsbeiräte von "Capital" und "Impulse" und der Betriebsrat mobilmachen gegen die neuen Methoden. Der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes, Michael Konken, sagte in Berlin: "So geht man als renommierter Verlag nicht mit erfahrenen und hoch qualifizierten Journalisten um." Auf jeden Fall müsse die Geschäftsführung eng mit den Betriebsräten zusammenarbeiten. Bei "Gegenwind" auf dem Anzeigenmarkt dürfe die Antwort des G+J-Managements nicht lauten, "dass alle Titel zu einem publizistischen Einheitsbrei vermengt und bestehende Tarifbindungen über Bord geworfen werden". Der DJV-Vorsitzende forderte den G+J-Aufsichtsrat auf, den Umstrukturierungsplänen auf seiner Sitzung am kommenden Donnerstag die Zustimmung zu verweigern.
Der stellvertretende Ver.di-Vorsitzende Frank Wernecke sieht die Gefahr, dass sich bei Gruner+Jahr ein "Wirtschaftsjournalismus auf Sparflamme" entwickelt, bei dem die nötige Unabhängigkeit von Unternehmens-PR, Präzision und kritische Recherche "auf der Strecke" blieben.
Bereits seit Wochen wird bei G+J versucht, Mitarbeiter zur Unterzeichnung von Aufhebungsverträgen zu bewegen. Die "Welt am Sonntag" schreibt von "Turboprämien" in Höhe von 50 000 Euro. Nach Abendblatt-Informationen trennt man sich selbst beim Flaggschiff "Stern" nach der Methode "goldener Handschlag" von Angestellten. Von Adventsstimmung keine Spur am Baumwall, unter anderen hat die Verlagsgruppe Exclusive&Living ihre Weihnachtsfeier bereits abgesagt, andere wollen dem Beispiel folgen.



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