Buch der Woche: Rainald Goetz "Klage"
Der Scharfrichter aus Berlin-Mitte
Samuel Pepys erfand einst, im 17. Jahrhundert, eine Geheimschrift für sein Tagebuch. Das Private sollte privat bleiben, unbedingt, und sei es um den...
Samuel Pepys erfand einst, im 17. Jahrhundert, eine Geheimschrift für sein Tagebuch. Das Private sollte privat bleiben, unbedingt, und sei es um den Preis der Erfindung dieser neuen Schrift. Wie merkwürdig diese klandestine Vorgehensweise von heute aus wirkt, wo das Tagebuch durch den Weblog, kurz: Blog ersetzt wird. Die Seelenentblößung im World Wide Web, das öffentliche Mitteilen vor aller Welt ist virulent seit einiger Zeit. Jeder kann sich über alles verbreiten, lohnenswert ist die Lektüre selten.
Aber immer dann, wenn die Lebensmitschriften über den Einzelnen und seine Malaisen hinausweisen - und wenn der Autor und Selbstbespiegeler Rainald Goetz heißt. Wenn Zeitkolorit aufgetragen wird wie in Goetz' Blog "Klage", der mehr als ein Jahr lang auf der Online-Seite von "Vanity Fair" erschien. Alle Kultur- und Gesellschaftsmenschen, die etwas auf sich hielten, lasen Goetz' Einlassungen, die eine kulturelle Sammlung der Republik, ein Zeitbild ergaben. Goetz besuchte Konzerte, Ausstellungen, Partys, Klubs und die Bundespressekonferenz. Man sagt, er schriebe seit Jahren an einem Politik-Roman, vielleicht veranlasste ihn das zähe Vorankommen zu dem literarischen Lamento, das er täglich aktualisierte. Als Goetz im Sommer das Ende des Blogs groß feierte, war das vielen Menschen einen Bericht wert - hatte ja auch jeder mitgefeiert in der Oranienstraße bei der Abschiedslesung. Jetzt erscheint der Blog in Goetz' Stammverlag Suhrkamp als Buch. Goetz, mittlerweile auch schon 54 Jahre alt, ist ja ein Wiederholungstäter: Ende der 90er-Jahre schrieb er bereits ein Internet-Tagebuch, nur nannte das da noch niemand Blog. "Abfall für alle" wurde danach ebenfalls als Buch veröffentlicht. Goetz, der Solipsist, ließ für "Klage" freilich nie nur ein Tagebuch-Ich auftreten, sondern beispielsweise auch eine Figur namens "Kyritz" oder einen "Herrndorf". Aber die störten nie weiter, wenn der Vielleser Goetz herrlich verkopft die Beziehung von Text und Wirklichkeit austarierte und den Kultur- und Politikbetrieb kommentierte.
In Ersteren gehört er auch, und so wundert es nicht, dass die Fehden mit Schriftstellerkollegen in "Klage" ausführlich ausgebreitet werden. Aber gerade in Bezug auf das tagesaktuelle Geschehen war der Blog und ist das Buch eine Fundgrube. Klar, man mag das jetzt vielleicht gerade nicht wieder lesen, was es 2007/8 so alles gab: die Raucher-Debatte, die "Esra"-Debatte, die Kurnaz-Debatte. Waren lange genug Thema; aber es ist trotzdem evident, wie wichtig die stoffliche Sammelwut des manischen Autors ist. Wer dereinst wissen will, was in den (ersten) Jahren der Großen Koalition in Deutschland los war, wird Goetz lesen. Er muss von manchem abstrahieren, denn der Schreibende ist im Falle Goetz' auch ein mittelschwerer Neurotiker, der wie Bernhard schimpfen kann.
Man darf gar nicht mit allem einverstanden sein, was Goetz schreibt, denn natürlich ist kritisches, sezierendes Schreiben und ziemlich selbstgerecht. "Klage" ist ein überwältigendes Zeugnis der Idiosynkrasie, das, vom persönlichen Ekel vor Personen und Ansichten getrieben, eine schmerzend scharfe Auslegung der Welt ist. Goetz, der Scharfrichter, urteilt über sie alle: die literarischen Gegenspieler Maxim Biller und Joachim Lottmann, den Kulturjournalisten Matthias Matussek, den Kameramann im Bundestag. Jetzt, mit dem Abstand von ein paar Monaten, wird an manchen Stellen vielleicht noch deutlicher, wie sinnlos manche Beschimpfungen waren. Sie verhallen ungehört im Diskurswald, weil die Stimme, die sich intoniert, meist zu ernst ist.
Hoffen wir, dass er bald endlich wieder einen Roman zustande bringt. Sein Tagebuch, das für das flüchtigste Medium überhaupt geschrieben wurde, ist erst in Buchform für die Nachwelt gesichert. Wie herrlich altmodisch.
Rainald Goetz: Klage. Suhrkamp Verlag, 428 Seiten, 22,80 Euro













