Aktivposten: Es gibt so viele ehrgeizige und wohlklingende Aktivitäten - hören Sie doch mal rein!
Die guten Seiten der Musikstadt Hamburg
Auch wenn die Elbphilharmonie noch Zukunftsmusik ist - in der Vorfreude auf diesen "Leuchtturm" hat sich schon viel Wegweisendes und Hörenswertes entwickelt. Ein solides Fundament für den Sprung an die Weltspitze.
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Hamburg. Erich Kästners Motto "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es" hat bei den Verantwortlichen der drei großen Hamburger Orchester in den letzten Jahren einen inneren Modernisierungsdruck ausgelöst, der viele sichtbare Folgen hatte. Das Philharmonische Staatsorchester kann zwar keine großen internationalen Konzert-Tourneen und Gastspiele vorweisen, dafür aber seine Tonträger auf die Reise zu auswärtigen Interessenten schicken. Nach Simone Youngs Einstiegspremiere, Hindemiths "Mathis der Maler", wurde damit begonnen, auch ihren Hamburger "Ring" Stück für Stück auf CD zu dokumentieren. Bei ihrem Vorgänger Ingo Metzmacher und dessen Zusammenarbeiten mit Regisseur Peter Konwitschny war der NDR dazu noch nicht zu bewegen gewesen, nun ist er ganz selbstverständlich bei den CD-Aufnahmen mit im Boot. Youngs Konzertzyklus mit den Urfassungen aller Bruckner-Sinfonien wird ebenfalls portionsweise mitgeschnitten. Trotz des ungewissen Ausgangs immerhin ein Experiment: "Das größte Konzert der Welt" am 2. März 2009, bei dem Young das über die Stadt verteilte Orchester mit großem technischen Aufwand eine Brahms-Sinfonie aufführen lässt, während sie selbst auf dem Michel fern-dirigiert.
Nicht zuletzt dank der vielfältigen Verbindungen von Orchestermanager und SHMF-Intendant Rolf Beck ist das NDR-Sinfonieorchester mit seinem international gut vermarktbaren Senior-Chef Christoph von Dohnanyi mehrfach jährlich unterwegs. Neben den Konzerten im Sendegebiet finden immer mehr Education-Angebote statt. Mit der Verpflichtung Alan Gilberts zum Ersten Gastdirigenten hat man einen echten Coup gelandet: Der Amerikaner ist mittlerweile zum Chefdirigenten des New York Philharmonic berufen worden. Ein Renommier-Posten in der Oberliga, dessen Glanz auch auf den Zweitjob an der Elbe abfärbt.
Früher blieben auch die öffentlich-rechtlichen Zusatz-Reihen mit Neuer und Alter Musik streng getrennt und brav an ihren angestammten Spielorten, entweder in Kirchen oder im Rolf-Liebermann-Studio. Diese orthodoxen Zeiten sind vorbei: Alt und Neu gehen Kombinationen ein, besonders gern als Gast auf Kampnagel, wo gerade eine Reihe startete, in der DJs am späten Abend Barockmusik remixen. Die gleiche Adresse ist inzwischen auch für ungewöhnliche Musiktheater-Produktionen bekannt.
Viel frischer Wind umweht die Hamburger Symphoniker. Nach der Aufbauarbeit durch Andrey Boreyko und dem damit verbundenen Selbstbewusstseinsschub kann nun Jeffrey Tate die Früchte ernten. Die Zusage der Kulturbehörde, die Symphoniker zum A-Orchester aufzuwerten und zum Residenzorchester der Laeiszhalle zu ernennen, sorgte für weiteren Auftrieb. Es gibt mit dem jungen Klarinettisten Martin Fröst erstmals einen "Artist in residence", der für mehrere Konzerte in einer Spielzeit antritt. Mit dem "Close-up"-Projekt - öffentliches Proben vor laufenden Kameras - hat Tate die Latte für neue Vermittlungsformen hoch gehängt. Wegweisend ist auch die Idee der gemeinsamen Präsentation von Musik und Kunst in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle. Bei den "HaSy"-Konzerten für Vorschulkinder rannten begeisterte Eltern schon vor dem Start die Türen ein.
Auch die private Konkurrenz hat die sich ändernden Vorzeichen der Zeit erkannt: Die "Pro Arte"-Konzerte trauen sich nun auch an Künstler, die noch nicht 130-prozentig akzeptiert sind. Neue Spielstätten wie das brandneue Ian-Karan-Auditorium im Bucerius-Kunst-Forum oder das Schauspielhaus für die skurrilen Blechbläser von "Mnozil Brass" - früher undenkbar, heute dabei. Konkurrenz, durchs Geschäft belebt, will zukünftig auch die "Elbklassik"-Konzertreihe sein, mit der der Berliner Großimpresario Peter Schwenkow (DEAG) Fuß auf offensichtlich sehr lukrativem Boden fassen will.
Jeden Sommer wieder beschallt das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) vor allem die Regionen jenseits der Hamburger Stadtgrenzen. Doch da das meiste Publikum und die lukrativsten Sponsoren nun mal in den Grenzen dieser Hansestadt zu finden sind, hat sich die in Lübeck beheimatete Intendanz den "Spielraum Hamburg" ausgedacht, in dem sich besonders viel Mühe mit Künstlern, Locations und Programmen gegeben wird. Besonders wunderbar für die hiesige Kulturbehörde: Die Rechnungen dafür bezahlen andere.
Ganz und gar auf eigene Rechnung hat sich im Mozartsaal ein Genre wiederbelebt, das schon oft für quasi scheintot erklärt wurde: Die dortige, von dem Cellisten Niklas Schmidt organisierte Streichquartett-Reihe ist ein Kleinod, das junge Talente und alte Meister auf einen Nenner bringt. Auch die vermeintliche Konkurrenz, die "Hamburgische Vereinigung von Freunden der Kammermusik", bietet im Kleinen Saal der Laeiszhalle ein unverzichtbares Angebot.
Seit 2007 hat sich neben der ganz großen Staatsoper, dem kleineren Allee-Theater und der engagierten Studenten-Spielwiese im Forum der Musikhochschule mit dem Opernloft eine weitere Spielstätte etabliert, die handliche Oper für junges Publikum bringt.
Auch im Zeitgenössischen bewegt sich mittlerweile wieder etwas: Tapfere Freistil-Festivals wie "blurred edges" oder die Klangwerktage füllen seit einiger Zeit einige der Lücken, die in diesem Thema jahrelang klafften. Kompetente Enthusiasten wie Michael Petermann mit seinem "Weissen Rausch" im Medienbunker, das "ensemble Integrales" mit ihrem noch ofenwarmen Repertoire oder das Ensemble Resonanz bemühen sich um stilistische Schnittmengen und Neuentdeckungen. Kürzlich gestartet, soll der Initativen-Verbund "KLANG!" dank einer Förderung mit Bundesgeldern skeptische Hanseaten für Avantgarde erwärmen.
Klassiker der Nachkriegs-Avantgarde wie Ligeti oder Stockhausen sind das Gesprächsthema in der Vortragsreihe "Sichtweisen - Hörwelten", die die Kulturmäzenin Brigitte Feldtmann ins Leben rief - der Charme liegt in der Kombination aus genreübergreifendem Gespräch und Livemusik.
Nicht nur Private legen sich mit erfreulich großem bürgerschaftlichen Engagement ins Zeug, auch die Stadt selbst hat erkannt, dass eine aktive Musikszene ein riesiger Image-Pluspunkt sein kann, wenn man diese Strategie nur konsequent und langfristig durchzieht. Das Reeperbahn-Festival wurde geschaffen und kräftig gefördert, um den Kiez als Kreativzentrum und Live-Paradies nicht nur im Geschmackszentrum der Hamburger Trendsucher festzusetzen. Vor einigen Monaten wurde der Beatles-Platz feierlich eingeweiht, sogar vom Bürgermeister persönlich. Vor einigen Wochen folgte die Umbenennung eines Platzes in Barmbek, um an den in Hamburg geborenen Weltstar Bert Kaempfert zu erinnern. In wenigen Wochen soll in direkter Nachbarschaft zum Beatles-Platz ein Beatles-Museum seine Türen öffnen. Und zur dauerhaften Mitfinanzierung des Popkurses, der bundesweit erfolgreichsten Kaderschmiede für Nachwuchs-Talente, taten sich Private und Offizielle mit einer Stiftung zusammen. Im Koalitionsvertrag der derzeitigen Regierung steht der geradezu historische Satz: "Die Clubszene soll wirksam gestärkt werden." Historisches Selbstbewusstsein soll eine CD-Reihe stärken, die von der "Zeit"-Stiftung gefördert wird und an zu Unrecht vergessene Komponisten früherer Jahrhunderte erinnert, an eine überreiche Tradition, die ihresgleichen suchen kann. Musikhistorisch wertvoll ist auch das Ensemble "Elbipolis", das sich um Barockes von hier kümmert.
Jazziges von hier gibt im Stellwerk den Ton an. Die Macher sind rege, die Szene freut sich, das Blümchen blüht. Kräftig und freudig gegossen wird es von der Dr.-E.-A.-Langner-Stiftung, die mit Förderpreisen für stetes Nachwachsen sorgen will.
Alles in allem: eine beeindruckende Menge Musik. Ein dickes Bündel Lorbeeren. Aber kein Grund zum Ausruhen, denn die Zukunft der Musikstadt Hamburg wurzelt im Vorhandenen.





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