Wer eine Stadt wie Hamburg untergehen und auferstehen lassen will, der braucht schon ordentlich Wumms. Im Fall des Kommandos Himmelfahrt, das...
Hamburg. Wer eine Stadt wie Hamburg untergehen und auferstehen lassen will, der braucht schon ordentlich Wumms. Im Fall des Kommandos Himmelfahrt, das Komponist Jan Dvorak und Regisseur Thomas Fiedler anführen, kommt da einiges an Klangkraft zusammen: die Harburger Kantorei, der Kammerchor Altona, der Posaunenchor der Kreuzkirche Ottensen und der Chor der Jungen Akademie, das auf Neue Musik spezialisierte Trio Sonar und die Jazzband Ten Ta To samt Schlagzeuger Sven Kacirek und Kante-Keyboarder Thomas Leboeg.
Bis zu 80 Akteure stehen auf der Bühne, wenn die Kampnagel-Produktion "Hamburg Requiem - Es gibt kein Firmament mehr" diesen Freitag Uraufführung feiert. Dem Mammut-Mix aus Barock-Oratorium, Rock-Oper und futuristischem Sound-Experiment stehen mit Julia Hummer und Jan Plewka zwei Solisten vor, die prädestiniert scheinen für das Projekt. Beide mit Schauspiel und Gesang vertraut, beide von feinnerviger Präsenz, personifizieren sie, mal singend, mal sprechend, den Prototyp des neuen Menschen: "Die Cafes in der City in Brand./Die Schanze tot und leer./Pöseldorf geplündert."
Zerstörung ist ein zentrales Thema der Inszenierung. "Die Angst vor dem Tod ist eine Triebkraft für vieles Schlechte auf der Welt", erläutert Dvorak. Daher befasse sich Kommando Himmelfahrt mit der Überwindung der Sterblichkeit. "Da man das wissenschaftlich noch nicht hinkriegt, wollen wir das mit künstlerischen Mitteln vordenken." Die Überbevölkerung, die aus dem Sieg über den Tod resultieren würde, führt das Kollektiv zu seinem zweiten großen Thema, der Besiedelung des Weltalls.
Mit dem Ansatz, Freiräume und Fiktionen äußerst radikal zu imaginieren, passt das Endzeit- und Aufbruchsspektakel bestens in das interdisziplinäre Festival "Wir nennen es Hamburg" von Kampnagel und Kunstverein. "Schon kurios, wenn altgediente Chordamen auf Rocker treffen", sagt Dvorak, für den das Requiem "eine breite Arschbombe in die populäre Musik" ist.
Passend zum musikalischen Crossover mutet das von Dvorak und Fiedler geschriebene Libretto an wie eine Collage aus "2001 - Odyssee im Weltall", Dürrenmatts "Physiker" und Satzfetzen von der Straße. Zwischen Elbe und Alster verortet wird das Geschehen zudem durch Projektionen des Amsterdamer Fotografen Wil Van Iersel, der hofft, dass die Hamburger mit seinem frischen Blick ihre Stadt neu entdecken.
Eine ungewohnte wie auch amüsante Perspektive birgt diese hanseatische Utopie definitiv, denn Ole von Beusts Leitbild der Wachsenden Stadt nimmt ungeahnte Dimensionen an - und wird letztlich ad absurdum geführt.
Und was folgt, nachdem das Irdische vergangen ist, nachdem Söhne, Töchter und Sparbücher geopfert wurden? Sprecherin Hummer proklamiert: "Herzliche Grüße, die Kultur ist das, was übrig bleibt."
Hamburg Requiem: 24.-26.10., 18.+19.12.; 20 Uhr, Karten: 27 09 49 49











