Dienstag, 14. Februar 2012, 09:57

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Kultur & Live

Kunst: "Wir nennen es Hamburg"

Ein neuer Mensch dank Reizüberflutung

"Interessant ist, was unbequem ist." Dieser Satz aus dem interaktiven Radiohörspiel der Gruppe Ligna schien das heimliche Leitmotiv zu sein für das...

Hamburg. "Interessant ist, was unbequem ist." Dieser Satz aus dem interaktiven Radiohörspiel der Gruppe Ligna schien das heimliche Leitmotiv zu sein für das "Eröffnungsspektakel", mit dem Kampnagel und Kunstverein ihr interdisziplinäres Kulturfestival "Wir nennen es Hamburg" starteten. Drei satte Monate lang möchte das sechsköpfige Kuratorenteam beider Häuser nicht nur eine Plattform bieten für experimentierfreudige wie kritische Künstler, sondern auch Kommunikation und Kreativität zwischen den Genres fördern.

Am Sonnabendnachmittag dominierte zunächst die Kunst. Mehr als 200 Künstler hatten Arbeiten eingereicht, die bis Anfang Januar im Kunstverein zu sehen sind. Reizüberflutung ist da Programm. Denn neben 20 großformatigen Werken, Installationen und Videoarbeiten - etwa dem neon-krachenden Märchenhaus, das Daniel Richter für die Salzburger Festspiele gefertigt hat - prägen aufgereihte DIN-A4-Kunststücke die Szenerie. Ein roter Faden ließ sich - zum Glück - nicht erkennen. Denn so geriet das horizontale Zappen durch Gemaltes, Gepuzzeltes und Genähtes zur spannenden Entdeckungstour. Akane Kimbara etwa erzählt im minimalistischen Cartoon von einer Begegnung, die Farbe verleiht. Uwe Lewitzky amüsiert mit seiner typografischen Arbeit "Wie nennt man die Typen, die immer mit Musikern rumhängen?" Und einige beziehen sich gar konkret auf Hamburg, etwa Raimund Samson mit seiner Fotocollage "Wilhelmsburger".

Das handliche Format geriet zum Prinzip, da je ein künstlerisches Pendant dem Begleitkatalog beiliegt. Hamburger Essays zur Kunst an Originalmaterial für 60 Euro - ein hippes Überraschungsei, das zur Vernissage bereits eifrig Abnehmer fand.

Zu ihren eigenen Kunstproduzenten wurden jene, die sich - nach einer Shuttlefahrt gen Kampnagel - auf die Inszenierung "Der neue Mensch" einließen. Die Gruppe Ligna hatte zu einer Art avantgardistischer Turnstunde geladen. "Vier Übungen in utopischen Bewegungen" galt es schwingend, schreiend, schwebend und durchaus auch schwitzend zu absolvieren. Über ein umgehängtes Radio samt Kopfhörer erhielten die Besucher aber nicht nur die Anweisungen, um den eigenen Körper auszuprobieren, sondern erfuhren zugleich viel von den Positionen des Tänzers Rudolf von Laban, des Regisseurs Wsewolod Meyerhold, des Schauspielers Charlie Chaplin sowie des Dichters Bertolt Brecht. Ein intellektuelles wie inspirierendes Work-out, das die Schulen mal auf ihren Lehrplan nehmen sollten. Derart mental und physisch gelockert war der Gast dann gut gerüstet für den Noise-Rock-Protest des Schwabinggrad Balletts, das mit Plakaten wie "Der Kopf bringt seinen Standort mit" ins Foyer einzog. Subversiv, packend und laut ging es dann auch bis in die Nacht weiter mit Konzerten von F.S.K., Frank Spilker, Kristof Schreuf und Boy Division, die ihre Lärmlieder per Megafon vortrugen. Unbequem. Und interessant.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus