Buch der Woche: Christian Kracht
Utopische Freakshow eines Dandys
Es gibt kein scharfes S im Schweizerdeutschen, und deshalb verwendet es der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, der seine Kindheit im...
Es gibt kein scharfes S im Schweizerdeutschen, und deshalb verwendet es der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, der seine Kindheit im Bernischen verbrachte, zurzeit auch nicht. Der Weltbürger ist traditionalistisch geworden. Und scheinbar erdverbunden. 1995 betrat Kracht mit Aplomb die literarische Szene. Sein "Faserland" begründete die an Oberflächen interessierte Zeitgeist-Konsum-Literatur. Nach sieben Jahren ist soeben ein neuer Roman Krachts erschienen: "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten". Er spielt in der Schweiz. Lenin hat das Land der Eidgenossen eben nicht im mythischen plombierten Zug verlassen, er ist dageblieben und selbst zum Eidgenossen geworden. Die Schweizer Sowjetrepublik befindet sich im Krieg gegen die faschistische Allianz aus Deutschen und Briten, jene holt sich ihre Soldaten aus der schweizerischen Provinz in Afrika. Ein Offizier aus dieser Satellitenrepublik kommunistischen Glaubens spielt die Hauptrolle in diesem Roman, der nur 150 Seiten stark ist.
Kracht, der Kosmopolit und geschmacksichere Dandy, weiß sich immer noch zu inszenieren. Ein Trailer (gestaltet von Kracht-Ehefrau Frauke Finsterwalder) bewirbt im Internet das Buch, evoziert wird eine wohlige Schauerstimmung, die sich beim Lesen dann auch tatsächlich einstellt. Der abenteuerliche Weg des farbigen Offiziers, der den Eid auf die Schweiz geleistet hat, führt durch unwegsames, verwunschenes Gelände: Er tötet für das Weiterbestehen der Utopie. Seit fast 100 Jahren herrscht Kriegszustand auf dem Kontinent, es ist ein grausamer Gang der Geschichte, den Kracht sich ausdenkt. Überhaupt ist "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" eine unglaubliche Freakshow. Es treten auf: vampirhafte Zwerge, Drogensüchtige mit übersinnlichen Fähigkeiten, die ihr Körpersystem mit Strom aufladen, bestialische Partisanen.
Es ist die Sprache, die den Roman unbedingt lesenswert macht. Sie ist kühl und einfach und auf den Punkt. Krachts Erzählen folgt der Logik des Films. Szene folgt auf Szene, Dialog auf Dialog, sie funktionieren alle für sich als Miniaturen. Krachts Stilwille, sein ästhetisches Wollen trägt den Roman, seine Sprache macht die wilde Fantasterei zur poetischen Angelegenheit.
Natürlich ist "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" auch ein großer Quatsch - umherschwirrende Sonden, Steckdosen an Körpern! Aber es ist Literatur, und nicht die unwichtigste.
Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Kiepenheuer & Witsch, 160 Seiten, 16,95 Euro.
Kracht liest heute in der Buchhandlung Felix Jud. Die Lesung ist ausverkauft.




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