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Kultur & Live

"Die Box": Kleiner Eklat bei Grass-Lesung im Thalia

Keine Angst vor Kritik

Eleganter als von Hanjo Kesting lassen sich Klippen kaum umschiffen. Der Mann, der viele Jahre lang unter anderem für die NDR-Reihe "Am Morgen...

Hamburg. Eleganter als von Hanjo Kesting lassen sich Klippen kaum umschiffen. Der Mann, der viele Jahre lang unter anderem für die NDR-Reihe "Am Morgen vorgelesen" verantwortlich war, ist ein Meister der pointierten Einleitung. Was er am Sonntag erneut demonstrierte, als er im Thalia-Theater, wohin die Buchhandlung Felix Jud eingeladen hatte, die erste öffentliche Lesung von Günter Grass aus dessen autobiografischem Prosatext "Die Box" mit einer Tour d'Horizon durch Grass-Land eröffnete. Kesting erinnerte an die "frühen Geniestreiche" des Autors (die "Danziger Trilogie") und stellte Verbindungen her zu den Werken des "produktiven letzten Jahrzehnts". Dass "Die Box" nicht zu Kestings Lieblingsbüchern zählt, schwang bei all dem Lob und den gelehrt verpackten Fragen und Analogien sehr dezent zwischen den Zeilen mit.

Doch was nützt der beste Steuermann, wenn sich plötzlich unvorhersehbare Hindernisse auftun. Als Grass zu lesen begann, schallte es aus dem 1. Rang: "Vatti, wir haben dir was mitgebracht." Flugs wurde ein Plakat herabgelassen, weiter hinten ein zweites. Eine "konservativ-subversive Aktion" grüßte "die moralische Instanz Günter Grass". Unter einem Signet, das holzschnittartig aus SS-Helm, Runen sowie Grass-Schnäuzer und Pfeife zusammengebastelt war, wurde gespottet: "Vatti ist immer dabei." Was das Publikum mehr verärgerte als den Angegriffenen, der unaufgeregt wartete, bis die Störer den Saal verlassen mussten. Nach der Enthüllung seiner frühen SS-Mitgliedschaft im "Zwiebel"-Buch von 2006 hatte Grass ganz andere Attacken überstehen müssen. Und im aktuellen Text demonstriert er, wie sich auch kritische junge Geister in den Dienst seiner Autobiografie stellen lassen.

Der Nobelpreisträger erwies sich im Thalia als brillanter Darsteller seiner selbst. Als ein großartiger Vorleser, der die kunstlose Prosa der "Box" zum Leben erweckte, indem er die fiktiven Worte seiner acht Kinder, die er über den Vater reden lässt, zu einem stark anschwellenden Strom der Stimmen machte.

Aus drei Kapiteln las Grass, dazwischen befragte ihn Kesting, vorzugsweise nach dem Verhältnis von Dichtung und Wahrheit in diesem autobiografischen Text. Erinnerung sei immer trügerisch, sagte Grass, sie führe zur Verfremdung oder gar zur Beschönigung. Deshalb bevorzuge er das Märchen, die Durchdringung der Zeiten in einem einzigen Moment der "Vergegenkunft". "Ich lüge, damit ihr mir glaubt", bekannte Grass und nannte Literatur eine höhere Form der Lüge - zum besseren Verständnis der Welt. Dem hätten sich, so erzählte er, nicht alle seine Kinder fügen wollen. Einige waren mit ihrer Rolle in der "Box" unzufrieden und forderten Veränderung. Die sei im einen oder anderen Fall auch erfolgt, aber das letzte Wort hatte stets der Patriarch: "Ich bin der Autor."wend

 

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