Der Schriftsteller benutzt nur Notizbücher einer bestimmten Marke. Seine Romanfigur Mandelkern hält das genauso.

Berlin. Der freundlich verstrubbelte Typ hinter dem Tresen sieht beim Kaffeemachen aus, als könne er zuallererst mal selber einen vertragen. Den Cappuccino bringt er, mit verlegenem Entschuldigungsgrinsen, gleich zweimal, weil er beim ersten Mal den Milchschaum vergessen hat. Aus der hinteren Cafeecke starrt Papagei Leo prüfend auf die Gäste. Die müssen sich mit ihm gut stellen: Wer auf die Toilette will, muss mitten durch Leos Volière hindurch.

Das alternative "Slörm" im Prenzlauer Berg ist Thomas Pletzingers Stamm-Kaffeedealer. Wenn der Schriftsteller, der auch noch eine Wohnung in Leipzig und eine Freundin in Göttingen hat, in Berlin ist, dann ist er eigentlich jeden Tag hier, bringt aus seiner Bürogemeinschaft um die Ecke seinen eigenen Kaffeebecher zum Auffüllen mit (in Original-"Slörm"-Monsteroptik) - und natürlich sein Notizbuch. Eher würde er "das Haus ohne Hose verlassen als ohne das Buch", sagt Pletzinger und streicht sich über die Glatze. "Jeder Tag beginnt mit Kritzeln."

Der Autor, Jahrgang 1975, der auf seinen Autorenfotos eine konzentrierte Strenge auf der Stirn trägt, im Gespräch aber ein ganz jungenhaftes Strahlen offenbart, holt das aktuelle Exemplar aus der Tasche. Sanft fühlt es sich an, wenn man mit den Fingern über den orangefarbenen Leineneinband streicht. Sanft, und trotzdem robust. Ein zuverlässiger Begleiter, um sich, wie Thomas Pletzinger es formuliert, "die Erinnerungen aus den Knochen schreiben zu können".

Jetzt liegt es da, auf dem Cafetisch, und obwohl es da nicht zum ersten Mal liegt, ist es ganz ohne Kaffeefleck. Aus dem Monsterbecher dampft es heiß, gemeinsam mit dem Notizbuch ergibt das ein hübsches Stillleben. Sein Buch ist dem Autor - in dessen Debütroman ein Hund eine Schlüsselrolle spielt, weshalb diese Assoziation vielleicht nahe liegt - ein treuer Gefährte. Denn bevor ein Gedanke Literatur werden kann, ist er eine Idee, sind da Worte, Sätze und Fragmente. Und der Autor bringt sie, wie hier in nachlässiger, rascher, für andere meist schwer zu entziffernder Schrift, zu Papier. Thomas Pletzinger schreibt ausnahmslos in die farbig eingebundenen, festen Bücher der Marke "Semikolon", da hält er es wie sein Protagonist Daniel Mandelbaum aus seinem Debütroman "Bestattung eines Hundes", der gleich auf Seite 11 drei Stück davon kauft. Buchleinen, Fadenheftung, cremeweißes Blanko-Papier. Die Romanfigur Mandelkern ist Journalist und Ethnologe. Und er ist sammelwütig, wie es sich für einen Ethnologen gehört. Da ist so ein Notizbuch hilfreich, auch Pletzinger klemmt Rechnungen oder Postkarten zwischen die Seiten.

Sein "ausgelagertes Gedächtnis" nennt er das Buch, "ein Ideen-Archiv". Fast alles findet seinen Weg zwischen die Buchdeckel: Termine, Gedankensprünge, Reiseplanungen oder Listen, "ganz ungeordnet", manchmal ganze Absätze, oft Fragen. "Welche Filme hat Bruck gesehen?" ist eine dieser Fragen, die sich auf die Hauptfigur seines nächsten Romans bezieht, "Was war, als Audrey Hepburn starb?" eine andere. Auch das Wort "Schafskälte" steht auf einer Seite, einfach so, ohne erkennbares Motiv. "Ich mochte das Wort", sagt Thomas Pletzinger. "Schafskälte. Ich wollte es mir merken, damit es in einer der nächsten Geschichten vorkommen kann."

Papagei Leo wackelt ungeduldig auf seiner Stange, vielleicht möchte er auch einen Cappuccino. Thomas Pletzinger lächelt und blättert abwesend mit den Fingern durch die Seiten. Der Griff zum Notizbuch, hat er vorhin gesagt, sei für ihn so natürlich wie für den Musiker der Griff zur Violine. Für "Die Bestattung eines Hundes" habe er "bestimmt 30, 40 dieser Bücher vollgeschrieben". Der Punkt dabei ist nicht, dass man das Geschriebene immer wieder nachlesen kann, der Punkt ist, dass man es überhaupt aufgeschrieben hat.

Der amerikanische Dichter Gerald Stern, über den Pletzinger derzeit seine Doktorarbeit schreibt, sammelt auch, notiert manisch auf alles, was ihm unter den Füllfederhalter gerät. Gerade erst wurden seine Papiere, Korrespondenzen und Zettelchen an die Universität von Pittsburgh verkauft. "Für richtig viel Geld", sagt Pletzinger mit bewundernder Verblüffung in der Stimme. "Dafür kann er gemütlich noch ein, zwei Jahrzehnte leben." So weit ist es bei ihm noch nicht. Aber auch Thomas Pletzinger archiviert seine gefüllten Semikolon-Bücher. Bei seinen Eltern im Keller. Kartonweise. "Da sind sie sicher, die ziehen nicht um."

Und auch um Rohstoff-Nachschub muss Thomas Pletzinger sich erstmal keine Sorgen machen. Denn der Autor, der die Buchsorte während seines Amerikanistik-Studiums in Hamburg im Künstlerbedarfsladen an der Hamburger Hochschule für bildende Künste zufällig entdeckte, ließ eben diese Entdeckung im Roman nun auch Hauptfigur Mandelkern machen. Und als ein Mitarbeiter von Semikolon kürzlich - "Zufällig!", schwört Thomas Pletzinger - diese Stelle gelesen hatte, schickte er ihm vor lauter Dankbarkeit gleich eine ganze Kiste.

Siebzig neue Notizbücher, in blau, rot, orange. Die stehen jetzt in seinem Büro. Ordentlich aufgereiht, jungfräulich, erwartungsvoll. Seither, sagt Thomas Pletzinger, habe er keine Entschuldigung mehr. "Jetzt muss ich ein zweites Buch schreiben."