RockCity: Die bessere Förderung des Vereins steht im Koalitionsvertrag
Wie Künstler das Kalkulieren lernen
Seit die Pop-Branche eingebrochen ist, berät Geschäftsführerin Andrea Rothaug immer mehr Musiker - nur der Etat bleibt gleich.
Hamburg. "Ich merke, dass ich bei manchen geschäftlichen Sachen schon sehr naiv war", erklärt Manuel Louis. Aber der 23-Jährige ist eben auch kein Kaufmann, Marketing-Experte oder Jurist, sondern in erster Linie Pop-Musiker. Gefühlvoll singt der Hamburger zur Akustikgitarre Zeilen wie: "Ich hab ja auch gerne was im Portemonnaie. Aber da gibt es was, das für mich mehr zählt. Und das ist Zeit." Doch gerade am Anfang müssen Künstler immer mehr Stunden in Eigen-PR und Selbst-Verwaltung investieren. Kalkulationen statt Kreativität.
Durch den ökonomischen Einbruch der Branche mangelt es an Spezialisten, die Musikern organisatorisch den Rücken frei halten. "Das ist eine der Ursachen, warum die Zahl der Beratungen bei RockCity immens gestiegen ist", erklärt Andrea Rothaug. Die Frau mit dem energischen Lockenkopf ist Geschäftsführerin des Vereins, der sich als "zentrales Netzwerk für Kreative der Hamburger Popularmusik" definiert. Als Rothaug 2002 bei RockCity anfing, führte sie 60 Gespräche pro Jahr. 2007 erläuterte sie in 337 Sitzungen oft unliebsame Themen wie Finanzen und Versicherung. Sie beantwortete Fragen zu Urheberrecht und Verwertungsgesellschaften. Und sie fungierte als Coach sowie als Kummerkasten für alle Klienten, die ihren Weg im Beruf Pop suchen. So wie Manuel Schiers, einer von 500 Musikern, Textdichtern, Komponisten und Label-Betreibern, die für 25 Euro im Jahr RockCity-Mitglied sind.
Der 29-Jährige arbeitet bei der Hamburger Plattenfirma Zickzack-Records, will sich künftig aber auch als Musiker etablieren. "RockCity hat mir geholfen, mich zu strukturieren, hat Perspektiven aufgezeigt", erklärt Schiers. "Man merkt, dass Andrea viele Abläufe in der Branche schon oft durchdacht hat." Die Beratung sei ja nicht nur kostenlos, sondern vor allem individuell. "Das gibt es beim Arbeitsamt nicht."
Was beim Arbeitsamt allerdings auch nicht zu finden ist: dass der komplette Service von einer Person abgewickelt wird. Lediglich Verträge werden extern von einer Anwältin geprüft.
Als Tourbegleiterin von Szene-Größen wie Die Goldenen Zitronen sowie als Pressesprecherin der Deutschen Tonträgerindustrie hat Rothaug zwar reichlich Insider-Wissen vorzuweisen. Und von Know-how und Kontakten profitieren etwa Neumitglieder wie Anna Depenbusch: "Bei RockCity erfahre ich, welche Preise in der Branche üblich sind", sagt die Sängerin. "Das schafft Selbstvertrauen."
Was dem Verein aber dringend fehlt, ist eine weitere Vollzeitstelle. Denn "nebenbei" ist noch Projekt-, Kongress- und Gremienarbeit zu leisten, die nicht nur das stadtinterne Netzwerk stärkt, sondern Hamburg auch bundesweit als Musikstandort auf die Agenda bringt. Doch eine zweite Kraft einzustellen gelingt nicht bei einem jährlichen Etat der Kulturbehörde von 66 000 Euro, der zu 70 Prozent Gehalts- und zu 30 Prozent Sachkosten deckt. Eine Summe, die seit Gründung des Vereins 1987 nicht erhöht worden ist, wie Rothaug betont. "Dabei fließt allein durch die Steuern, die die Musiker aufgrund der RockCity-Beratung zahlen, das Vier- bis Fünffache unseres Etats an den Staat zurück."
Zwar konnte der Verein mit einem Zuschuss von 1800 Euro dieses und vergangenes Jahr eine Assistenz finanzieren. Doch um wenigstens zu zweit konstante Basisarbeit leisten zu können - und um Künstler nicht an popaffinere Metropolen wie Berlin zu verlieren -, fordert Rothaug eine Etat-Erhöhung auf 125 000 Euro. Dass dieser Betrag kein Hirngespinst ist, zeigt nicht nur der Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Regierung, in dem "eine bessere Ausstattung des Vereins RockCity" festgeschrieben ist. Noch erhellender ist der Vergleich mit anderen Städten.
450 000 Euro erhält etwa das Popbüro der Region Stuttgart - anders als an der Elbe jedoch nicht nur als Kultur-, sondern auch als Wirtschafts- und Jugendförderung. Zwar umfasst die potenzielle Kundschaft in der baden-württembergischen Region mit 2,7 Millionen Einwohnern rund 700 000 mehr als in Hamburg. Doch "drei bis vier Leute braucht man Minimum, um verschiedene Fachbereiche wie Medien, Wirtschaft und Projektmanagement abzudecken", meint Paul Woog. Der Stuttgarter Popbüro-Leiter hält Dienstleistung in Personalunion für schwierig. "Von RockCity kommen herausragende Ideen. Der Verein ist eine Marke." Wenn Rothaug wegfallen würde, wäre das "ein unlösbares Besetzungsproblem".





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