Lou Reed: Starkes "Berlin"-Konzert im halb leeren CCH
Dunkle Klangberge und der glasklare Chor der Mädchen
Der Beatles-Klassiker "When I'm Sixty-four" ist für ihn schon Geschichte. Lou Reed ist 66, vor 35 Jahren brachte er sein Album "Berlin" heraus.
Hamburg. Ein Verkaufsflop, der zudem wegen seiner dunklen, von Drogen geschwängerten und in einer urbanen Wüste angesiedelten Story um das tragische Liebespärchen Caroline und Jim weiland einen Haufen erboster Berliner zurückließ. Auch das - Geschichte.
Im CCH sollte sie jetzt wieder lebendig werden, seit vergangenem Jahr ist Reed erstmals mit seinem "Berlin"-Album auf Tour. Vor dürftiger Kulisse (weit mehr als die Hälfte der Plätze im CCH blieben leer) interpretierten Reed und seine achtköpfige Band die Songs ungemein kraftvoll und wuchtig - vor einem leider ebenso dürftigen Bühnenbild, das der US-Künstler und Filmemacher Julian Schnabel entworfen hatte: Auf eine entfernt chinesisch anmutende manierierte Tapetenwand wurden Filmsequenzen projiziert, die die Songtexte recht schlicht illustrierten.
Wichtiger war, was davor passierte. Und das war einiges. Neben der Band bevölkerten noch der New London Children's Choir, drei Streicher und vier Bläser des London Philharmonic Orchestras die Bühne - und aus 49 Albumminuten wurden fast 90 Konzertminuten. Schuld daran war der tiefe Griff in die 70er-Jahre-Rockkiste - fast allen der zehn Songs verpassten Reed und Band ein neues Gewand, das aus langen (manchmal allzu langen) elektrisierenden Gitarrensoli gestrickt war. Vor allem Steve Hunter, der schon auf dem 73er-Album mitwirkte, tat sich hier hervor. Seine souverän durch höchste und tiefste Töne mäandernden Soli beschworen den Geist jener alten Tage - und nicht selten sprang Reed ihm im gegenseitig befeuernden Duett zur Seite. Dass der, nun ja, Gesang des Meisters sich hin und an deutlich neben der (Ton-)Spur einpendelte, mag man da wohlwollend den Phänomenen der Biologie zuschreiben.
Zu den dunklen, harten Klangbergen, die Reed und Band aufbauten, stand der glasklare Chorgesang der zwölf Mädchen in wunderbarem Kontrast - woraus etwa in "Sad Song" eine vibrierende Spannung erwuchs. Wie überhaupt die Dramaturgie, die sich nach der Liederfolge auf dem Album richtete, stimmte: Wahren metallischen Krachern folgten einfühlsame akustische Songs wie "The Kids", in dem Caroline ihr Kind weggenommen wird, und "The Bed", das vom trauernden Jim nach Carolines Tod erzählt.
War das Konzert gelungen, überzeugte die starke Band (u. a. mit Rob Wasserman am Kontrabass und Fernando Saunders am E-Bass) in den drei Zugaben restlos. Das dem Gospel verwandte "Satellite Of Love", das hämmernde "Rock 'n' Roll" und die träumerische Ballade "The Power Of The Heart" (Reeds Liebeserklärung an seine Frau Laurie Anderson) - ein opulentes Finale.
In 66 Jahren kommt eine ganze Menge an Geschichten zusammen. Wer aber so eindringlich auf sein Frühwerk zurückblicken kann wie Lou Reed, der hat sich auch eine ganze Menge an Jugend bewahrt.




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