Rom. Für neun junge Hamburger Jazzer war schon Anfang Juli Bescherung, der Weihnachtsmann sprach elegantes Italienisch. Mit einer Selbstverständlichkeit, als wollte er Brioches zum Frühstückskaffee bestellen, wurden sie vom Gitarristen Stefano Mastruzzi eingeladen, Ende August für Workshops und Konzerte mit US-Kollegen nach Rom kommen zu können, wenn es denn in ihre Terminkalender passen sollte.

Flug- und Unterbringungskosten? Kein Problem, das regelt seine St. Louis School, mit rund 1500 Schülern das größte Jazz-Ausbildungsinstitut Roms. Und dann wurden Namen von Stars wie Jeff "Tain" Watts, Kenny Garrett oder Kurt Rosenwinkel genannt. Damit hatte sich der erste Wandertag, den die Hamburger Dr.-E.-A.-Langner-Stiftung für ihre Jazz-Stipendiaten organisiert hatte, schon mehr als gelohnt.

Vergessen der Stress am Flughafen, weil Kontrabässe oder Becken-Koffer nun mal ganz spezielles Gepäck sind und man sich auf gegebene Transport-Zusagen dann doch nicht immer verlassen kann. Unwichtig die Gluthitze, mit der man am Vortag beim Stadtrundgang zu kämpfen hatte.

Dass mit der Einladung auch die diskret, aber hörbar geäußerte Hoffnung verbunden wurde, eine Gegeneinladung für italienische Jazzer an die Elbe zu erhalten, wurde zuversichtlich registriert. Eine Hand wäscht bekanntlich die andere, erst recht hier, man war schließlich in Italien. Mehr als das: in der "Casa del Jazz", einem prächtigen Zweieinhalb-Hektar-Anwesen neben der Aurelianischen Mauer. Aus dem beschlagnahmten Refugium eines Mafia-Clans hatte Roms damaliger Bürgermeister und Jazzfan Walter Veltroni 2005 eine Top-Adresse gemacht: Open-Air-Bühne für Sommerkonzerte auf picobello gestutztem Rasen, ein Konzertsälchen für 150 Besucher, ein Aufnahmestudio für Studio- und Live-Mitschnitte, Multimedia-Archiv, Bibliothek, Shop und Gastronomie. Selbst für Top-Gäste wie Jack DeJohnette kosten die Karten dank einer angenehmen öffentlich-privaten Mischfinanzierung nicht mehr als 20 Euro. Einem der Stipendiaten entfuhr der Satz: "Das ist hier ja wie im Paradies." Na ja. Fast.

Die Szene ist vital und gern gehört, es gibt mehr als ein Dutzend große und etliche kleinere Klubs. Die Abendgagen sind eher Festpreise und nicht, wie oft in Hamburg, an die Besucherzahlen gekoppelt. Aber von sozialer Absicherung für Musiker ist weit und breit nichts in Sicht, man mauschelt sich landestypisch einfallsreich an seit Jahren klaffenden Gesetzeslücken vorbei. Umzugskartons sollten die Hamburger Jazzer also lieber nicht packen, riet man ihnen. Und nachdem Veltroni kürzlich sein Amt verlor, weiß niemand, ob nicht schon bald ein Rotstift einen Strich durch die Rechnungen dieser Institution macht, von deren Niveau das musikstadtambitionierte Hamburg im Jazz-Sektor nach wie vor nur träumen kann.

Warum Rom als Gastspielziel, warum das Goethe-Institut als Partner? Eine Portion Zufall hat diese Zusammenarbeit eingeleitet, die sich (guter Wille ist beiderseitig vorhanden) verstetigen soll. Heike Grunewald, die Geschäftsführerin der Langner-Stiftung, kannte den Namen des römischen Goethe-Chefs Uwe Reissig aus jener Zeit, in der sie beide in Jerusalem gearbeitet hatten. Man traf sich leibhaftig bei der "Jazzahead"-Fachmesse in Bremen, dort kam der Klassiker "Wir sollten mal was zusammen machen" ins Spiel. Etliche deutsche Jazzmusiker hatten Goethes schon nach bella Roma importiert, nun waren erstmals Hamburger Talente dran.

Daraus wurde ein entspannter Auftritt an einem lauschigen Sommerabend. Etwa 600 Zuhörer waren neugierig auf den kostenlos zu erlebenden "jazz amburgese", sie saßen vor der Bühne oder flanierten durch den Park, in dem Zikaden auf Hochtouren zirpten, oder dösten auf dem Grün, während die drei Formationen Kostproben ihres beachtlichen Könnens abgaben.

Nach dem Kai Bussenius Trio (mit Philipp Steen, einem der diesjährigen Stipendiaten, am Bass), das mit einer "Just in Time"-Paraphrase begann, bevor es sich vom Mainstream wegbewegte, passte sich das Mattäus Winnitzki Trio den Temperaturen mit latin-gefärbten Standards den Abendtemperaturen an. Bussenius' Trio gefiel es auf der Bühne so gut, dass sie die Vorgabe "40 Minuten für jedes Set" großzügig zu eigenen Gunsten auslegten. Mit seinem eigenen Ensemble, verstärkt durch Tenorsaxofonist Sebastian Gille, hatte der Allround-Pianist Boris Netsvetaev zum Abschluss eine zweite Gelegenheit, für ein Hinhören an der Elbe zu plädieren. Alle Wege mögen ja nach Rom führen. Für den Jazz made in Hamburg jedenfalls ermöglichen solche vielversprechenden Gastspiele neue Perspektiven, um nicht nur auf hanseatischem Terrain mehr und mehr bella figura zu machen.