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Kultur & Live

Molotow: Mietvertrag gekündigt

Hamburgs Klublandschaft verödet

Der renommierte Musikklub am Spielbudenplatz braucht finanzielle Förderer, um zu überleben.

Hamburg. Das Schild über dem Eingang signalisiert aktuelle Rockgeschichte. "Hier spielten live", steht da, und dann folgt eine imposante Aufzählung von Rockbands. White Stripes, Hives, Bright Eyes, Die Toten Hosen, Wir Sind Helden, Mando Diao, Killers, Hellacopters, Wombats und dicht an dicht Dutzende mehr. Dahinter geht es zwischen orange gestrichenen Wänden eine steile Treppe hinunter ins Molotow. Der Kellerklub am Spielbudenplatz 5, zwischen Operettenhaus und Esso-Tankstelle gelegen, zählt seit 18 Jahren zu den wichtigsten Musikklubs Deutschlands.

Er ist eine Dependance der britischen und amerikanischen Rock- und Independentszene, nahezu jede angesagte neue Band gibt in Hamburg zuerst ihre Visitenkarte hier ab. Doch mit dieser herausragenden Rolle in der Hamburger Klublandschaft könnte es bald vorbei sein. Hauptursache: das Rauchverbot.

"Wir haben unseren Mietvertrag zum 31.12.2008 kündigen müssen, weil er sich sonst automatisch um drei Jahre verlängert hätte", sagt Pächter Andi Schmidt: "Nach der Einführung des Rauchverbots haben wir in den ersten Monaten dieses Jahres Umsatzeinbußen von mehr als 30 Prozent. Das Molotow kann unter den jetzigen Bedingungen nur defizitär betrieben werden." Viele Gäste gehen zum Rauchen vor die Tür des Klubs und trinken dort auch gleich in einem der Kioske oder an der Tankstelle gekauftes Bier, das billiger ist als im Molotow-Ausschank. "Wir kalkulieren gerade bei den Eintrittspreisen sehr knapp, um möglichst vielen Leute Konzertbesuche zu ermöglichen", sagt Programmmacher Mario Stresow. In der Regel kosten Tickets im Molotow zwischen 10 und 15 Euro, Schnäppchen angesichts immer weiter steigender Konzertpreise. Die jungen Musikenthusiasten, die oft bis zu dreimal in der Woche herkommen, verfügen selten über dicke Portemonnaies.

Trotz der finanziellen Schieflage würden Andi Schmidt und Mario Stresow ihr erfolgreiches programmatisches Konzept gerne fortführen. "Wie benötigen keine einmalige Finanzspritze, sondern Förderer oder Sponsoren, die uns eine finanzielle Grundlage geben können, um weiterzumachen", erklärt Andi Schmidt. Er ist seit der Gründung des Molotows im Jahr 1990 mit Herzblut dabei, zuerst als DJ, seit 1994 als Pächter und Geschäftsführer. Schmidt und Stresow sind stolz auf ihr Programm und auf die auch internationale Strahlkraft ihres Klubs. Im Mai widmete das britische Musikmagazin "New Musical Express" dem Molotow eine ganze Seite mit einem Konzertbericht über die Blood Red Shoes. In einer Umfrage des Fachblatts "ME/Sounds" nach den besten deutschen Klubs landete das Molotow auf Platz drei.

Hilfe versuchte Schmidt auch von der Kulturbehörde und Kultursenatorin Karin von Welck zu bekommen. Behördensprecherin Ilka von Bodungen bestätigt, dass es ein konstruktives Gespräch zwischen der Behörde und dem Molotowbetreiber gegeben habe. Zwar setze sich die Kultursenatorin für eine Stärkung der Klubszene ein, wie es im Koalitionsvertrag festgeschrieben steht, aber eine Basisförderung für einen Klub über mehrere Jahre sei nicht möglich. Auch Versuche von Frau von Welck, Sponsoren für das Molotow zu finden, seien leider ohne positives Ergebnis geblieben.

Trotz des Engagements der Kulturbehörde für populäre Musik in Hamburg droht eine Verödung der Klublandschaft, auf die man in der Stadt so stolz ist und die immer wieder als ein kulturelles Aushängeschild Hamburgs genannt wird. Die Schließung der Tanzhalle vor zwei Jahren konnte nicht verhindert werden, auch andere Spielstätten für Livemusik sind gefährdet oder werden geschlossen. Im Kukuun am Spielbudenplatz ist morgen endgültig Feierabend, weil der Betrieb als Bar und Kulturraum wirtschaftlich nicht mehr tragbar war. Das Kukuun-Team arbeitet an Plänen, in eine neue Location umzuziehen. Weiter in der Schwebe ist auch die Zukunft des Mandarin-Kasinos, des ehemaligen Mojo Clubs. Nachdem die Züblin AG, eines der größten deutschen Bauunternehmen, das Grundstück Reeperbahn 1/Zirkusweg gekauft hat, möchte sie nach Auskunft ihrer Sprecherin bereits im kommenden Jahr mit dem Bau der von Architekt Hadi Teherani entworfenen "Tanzenden Türme" beginnen. Vorher müsste sie die ehemalige Bowlingbahn abreißen, bis heute Domizil des Mandarin-Kasinos. Leif Nüske, Betreiber des 500-Plätze-Klubs mit Schwerpunkt Black Music, weiß von den Plänen nur aus der Zeitung. "Wir sind entspannt", sagt er. "Uns wurde bereits 2001 mit der Abrissbirne gedroht, sodass wir den Mojo Club geschlossen haben, aber wir sind immer noch hier und planen unser Programm erst mal bis zum Sommer 2009." Das mögliche Ende des Molotows kommentierte Nüske mit dem Satz: "Das wäre eine Katastrophe für Hamburg." Nüske ist sich mit Molotow-Betreiber Andi Schmidt einig, dass jeder Klub, der einmal geschlossen ist, nie zurückkommen wird. Schmidt fürchtet einen verheerenden Niedergang des weltberühmten Quartiers: "Immer mehr Kneipen, Musikklubs und Striplokale schließen. An ihre Stelle treten Geschäfte von Ketten, wie es sie überall gibt. Das ist der Tod der Reeperbahn. Irgendwann wird es hier aussehen wie an der Wandsbeker Chaussee."

 

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