100 Jahre Laeiszhalle: Der Nachmittag gehörte der Jugend - abends verabschiedete sich Boreyko
Urwaldaffen, Außerirdische und Schnittkes Neunte
Hamburg. Mit einem Kinderkonzert, einer Uraufführung und einem abendlichen Abonnementkonzert der Hamburger Symphoniker endete am Sonntag der zweite Tag der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag der Laeiszhalle. Comics für die Ohren präsentierten Sprecher Henning Venske, das Albert-Schweitzer-Jugendorchester, die Musäusmäuse der Schule Iserbrook und der Mendelssohn-Chor Hamburg. Zu vier dürftigen Geschichtchen über Tarzan, Flash Gordon, zwei Ameisen und eine Riesenfledermaus hat der dänische Komponist Bent Lorentzen einen sehr hörenswerten Soundtrack irgendwo zwischen Bigbandklang, Filmmusik und Avantgarde geschrieben. Der Enthusiasmus, mit dem das aus Kindern und Erwachsenen gemischte Ensemble unter Leitung von Manfred Richter Urwaldaffen und Außerirdischen eine Stimme verlieh, wirkte unbedingt ansteckend.
Was man von dem eigens zum Jubiläum der Laeiszhalle in Auftrag gegebenen Happening "contraPUNKT" nicht sagen konnte. 170 Schüler bespielten unter der Leitung des Komponisten Hans-Joachim Hespos Ränge und Foyers der Jubilarin. Da waren sehr hörenswerte Funde zu machen - ein türkisches Folklore-Duo, durchs Haus wandernde Saxofonisten, ein Streicherensemble, das Klingers Brahms-Denkmal umgarnte. Doch dominierte leider der Eindruck von Kindern im Irrgarten der Konzept-Kunst, die sich beim Zerreißen von Zeitungspapier, gravitätischem Simulieren von Kunst oder Brummkreiseldrehen langweilten - so wie viele aufgeschlossene Hörer, die noch vor dem Ende die Laeiszhalle verließen.
Am Abend verabschiedete sich dann der Chefdirigent der Hamburger Symphoniker, Andrey Boreyko. Neben einem Bach-Choral standen Brahms, Mahler und die Hamburger Erstaufführung von Alfred Schnittkes Neunter Symphonie auf dem Programm. Nur drei Sätze konnte der schwer kranke Komponist vollenden. Ebenso viele Bearbeiter haben sich daran versucht, aus Schnittkes Skizzen ein aufführbares Werk zu konstruieren. Schnittke hat einen romantisch-üppigen, bruchlos fließenden Strom von Musik hinterlassen, der in einem akkordischen Aufbäumen gipfelt. Boreyko setzte vor allem auf die große Geste und symphonische Klangfülle. Die bis zum Zerreißen gespannte Intensität, die bei Mahler aus dem Gegensatz von kammermusikalischer Kargheit und Massierung der Mittel resultiert, blieb vielleicht deshalb aus.
Stiller Höhepunkt des Abends war so Brahms' sanft-rätselhafte "Nänie". Den Trauergesang, der mit den Worten "Auch das Schöne muss sterben!" anhebt, kleidet Brahms in eine lichte Musik in reinem Dur. Mit größter Sensibilität verliehen Boreyko und der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor dieser Klage jenen milden Glanz, mit dem Brahms seine Wehmut übertüncht. Zum Ausklang gab es für Boreyko eine Ansprache des Intendanten und Ovationen des Publikums.



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