Nie mehr Verrisse: Neuer Rezensions-Service im Internet
Lob-Preis: 150 Euro
Hamburg. "Man darf Bücher nicht lesen, bevor man sie rezensiert, sonst wird man zu voreingenommen", soll der Kritiker Sydney Smith im 19. Jahrhundert geschrieben haben. Auch die Gegenseite hat lustige Zitate zu bieten: "Ebenso gut könnte man einen Laternenpfahl fragen, was er von Hunden hält", entgegnete der Dramatiker Christopher Hampton auf die Frage, wie er Kritiker beurteilt.
Das 21. Jahrhundert hat beim Thema Premium-Rezensionen und wie sie entstehen einige interessante Fortschritte gemacht. Verfasser von nichtsnutzigen Dackeltagebüchern, verschwurbelten Ich-bin-dann-mal-glücklich-Ratgebern oder ähnlichen Papier- und Lebenszeitverschwendungen können nun aufatmen. Nie mehr Angst vor Verrissen haben müssen, vor verbalen Tritten unter die Gürtellinie, von Nörglern, die weder erkennen können noch wollen, dass sie ein Meisterwerk vor sich haben. Einfach ab ins Internet, auf www.literaturmarkt.info und eine Benotung der eigenen Buchstabensuppe bestellen. Kostet was, nützt nichts, ist dafür aber garantiert positiv: "Verrisse werden nicht veröffentlicht, weil Neuerscheinungen, die der Rezensent als wertlos erkennt, nicht zur Fortentwicklung des Literaturmarktes beitragen und das Interesse des Lesers verfehlen", heißt es in den Rezensentenregeln. Gut, dass einem das endlich mal gründlich erklärt wird.
Bis 300 Seiten Lobhudel-Vorlage kostet der Jubelschrei 150 Euro, jede weitere Buchseite, die sich der bestellte Rezensent antun muss, schlägt mit 50 Cent Schmerzensgeld zu Buche. Wenn das mal kein Schnäppchen ist. Die Möglichkeiten dieser Dienstleistung sind mannigfaltig, und eine ist schöner als die andere. Sensibelchen wie Günter Grass könnten ungebremst schreiben, so viel sie wollen. Das Nobel-Preisgeld würde locker dafür reichen, jeden unberechenbaren Kritiker einfach wegzuloben. Martin Walsers "Tod eines Kritikers" hätte einen gesundheitsschonenderen Titel haben können. Bei Mehrbändigem gäbe es Mengenrabatt, Kurzgeschichten oder Gedichte werden nach Abtropfgewicht abgerechnet.
So gesehen ist Qualität keine Frage der Kreativität mehr, sondern eine des Kontostands. Dabei kommt dann so was heraus: "Zwischen diesen beiden Seiten einer Medaille wandert XY gekonnt in ihrem ersten Gedichtband." Für ein so formschön verunglücktes Bild könnte man eigentlich Eintritt verlangen, dann wären die 150 Euro schnell wieder drin.



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