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Kultur & Live

Ruhestand Kirchenmusikdirektor geht

"St. Bantzer" vom Turmweg

Claus Bantzer verlässt nach 33 Dienstjahren "seine" Kantorei an der St.-Johannis-Kirche.

Hamburg. Als sich Claus Bantzer vor zwei Wochen mit verdächtig glänzenden Augen bei den Solisten seiner Johannes-Passion bedankte, dürfte sicher eine Portion Wehmut im Spiel gewesen sein - in Anbetracht des letzten großen Konzerts mit "seiner" Kantorei.

Doch neben dem verständlichen Abschiedsschmerz zeigte Bantzers emotionale Reaktion auch eine Eigenschaft, die sein künstlerisches Profil entscheidend geprägt hat: Selbst nach 33 Dienstjahren an der Harvestehuder St.-Johannis-Kirche mit rund 50 Aufführungen allein der bachschen Oratorien ist der scheidende Kirchenmusikdirektor nie in ehrenwerte Routine verfallen, sondern kann sich bis heute tief und schutzlos von der Musik berühren und bewegen lassen: "Diese großen Werke, das bedeutet schon ein wichtiges Stück musikalische Heimat für mich."

Seine Gabe, das Unsagbare in den Tönen intensiv zu spüren und zu vermitteln, hat den gebürtigen Hessen zu einem charismatischen, mitunter genialen (Moment-)Musiker gemacht, der seine Ensembles regelmäßig dazu bringt, in Konzerten über sich hinauszuwachsen: Wer einmal unter ihm gesungen hat, wird kaum vergessen, mit welcher Suggestionskraft und welchem Vertrauen Bantzer sich in der Live-Situation offenbart und dabei alle Mitwirkenden in seine konkrete Klangvorstellung einzusaugen vermag.

Nicht zufällig zählt die Improvisation - die Musik, die im Augenblick entsteht - zu seinen besonderen Markenzeichen: Auch der unverwechselbare, gerne etwas spacige Sound seines Orgelspiels ist dafür verantwortlich, dass die neugotische Kirche am Turmweg im Volksmund gerne "St. Bantzer" genannt wird.

Improvisation bedeute ihm deshalb so viel, so sagt er, "weil sie mir viele Freiheiten lässt. Da versuche ich, mich völlig auszuschalten, und kann spontan etwas entwickeln. Mir kommen auch immer viele Ideen." Und zwar seit der Kindheit, als der kleine Claus im Elternhaus zu Bildern aus Kunstbänden auf dem Klavier gespielt hat.

Sein humanistischer Background - die Eltern und der Großvater waren renommierte Maler - und die anthroposophische Schulbildung in Marburg haben eine große Offenheit für alle Kunstformen befördert: Gemeinsam mit seinem Bruder, dem bekannten Schauspieler Christoph Bantzer, kombinierte er schon in den 80er-Jahren erfolgreich Musik und Literatur; in seiner Veranstaltungsreihe "Kreuzungen" finden regelmäßig ungewöhnliche Begegnungen statt: "Wir haben zum Beispiel eine Passionsaufführung mit Live-Malerei gemacht, das war für mich ein besonders gelungenes Projekt."

Diese Lust am Grenzüberschreiten pflegt er auch in der Musik selbst: Bantzer hat schon Konzerte mit Renaissancemusik und dem Jazz-Saxofonisten Jan Garbarek konzipiert, als es das Wort Crossover noch gar nicht gab, und hat auch als Komponist immer wieder verschiedene Stile miteinander verwoben - etwa in seiner 1980 entstandenen Jazz-Messe und verschiedenen preisgekrönten Filmmusiken.

Mit dem Abschiedskonzert am Sonntag geht nun seine Dienstzeit, nicht aber die Ära Bantzer zu Ende: "Im nächsten Halbjahr ist der Terminplan ziemlich voll - fast schon zu dicht! Ich habe einige Konzerte mit meinem Harvestehuder Kammerchor, am 23. April ist das Konzert "Lichtblicke" mit der Hamburger Camerata, und dann muss ich noch ein neues Stück für eine Kammermusikreihe im Barlach-Haus komponieren."

Von Altersruhe ist also noch lange keine Spur - auch äußerlich nicht. Zum Interview im Gemeindehaus kommt Bantzer mit dem Mountainbike angeradelt und wirkt fit wie eh und je. Kein Wunder, schließlich hält er sich schon seit 30 Jahren mit Yoga in Schuss. Fernöstliche Philosophie - damals für einen Angestellten der evangelischen Kirche keine alltägliche Beschäftigung. Aber auch das hat Bantzer nie so eng gesehen: ein Mann ohne Berührungsängste.

 

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