10.03.08

Tagebuch-Skandal: Kurz vor Veröffentlichung häufen sich Indizien gegen Echtheit

BKA sagt: Vermutlich Nachkriegspapier!

Der Skandal um die Hitler-Tagebücher (Teil 7): Immer mehr Anzeichen für Fälschungen aus dem Umfeld des "Tagebücher"-Lieferanten Konrad "Fischer" Kujau tauchen auf. Auch erste chemische Analysen raten zur Vorsicht. Doch die "Stern"-Chefs gehen darüber hinweg und glauben selbst absurdeste Geschichten.

Foto: HA
Das Titelblatt des „Sterns“, auf dem die „Hitler-Tagebücher“ der staunenden Leserschaft präsentiert werden.

Hamburg. Gerd Heidemann hat Mitte November einen Schock zu verarbeiten. Am 15. November 1982 besuchen ihn Otto Günsche und Wilhelm Mohnke in seiner Wohnung an der Elbchaussee. Heidemann zeigt den beiden ehemaligen SS-Offizieren zunächst einige Tagebücher und präsentiert dann Hitlers angebliche Selbstmordpistole, die belgische FN von Kujau. An der Waffe hängt ein Zettel mit aufgedrucktem NS-Emblem und der handschriftlichen Notiz:

"30.4.45

Mit dieser Waffe erschoß sich unser Führer!

Die Lage ist hoffnungslos!

Heil Hitler!

Bormann"

Günsche erklärt Heidemann, das sei nie und nimmer die Selbstmord-Pistole. Die habe er nämlich nach Hitlers Tod im Bunker der Reichskanzlei eigenhändig aufgehoben. Es sei eindeutig eine Walther gewesen. Hundert Prozent ausgeschlossen, niemals habe Hitler sich mit einer belgischen FN getötet. Doch wie in ähnlichen Situationen zuvor schiebt Heidemann schon wenig später die Realität beiseite. Dass Heidemann ausgerechnet der Zettel, den Kujau an die Pistole gehängt hat, mehr überzeugt als die Aussage des Augenzeugen, ist auch deshalb schwer zu begreifen, weil Heidemann ja weiß, dass Echtheits-Zertifikate im Zusammenhang mit Hitler-Stücken durchaus dubios sind.

Ausgerechnet an Heiligabend werden Heidemann und Walde von einer Meldung der "Deutschen National-Zeitung" des rechtsradikalen Münchner Verlegers Gerhard Frey geschockt. Die Schlagzeile am 24. Dezember 1982 lautet: "Hitlers Tagebücher entdeckt - Warum sie geheim gehalten wurden".

Auf Seite 5 ist unter derselben Überschrift und der Unterzeile "Sensationelle Enthüllung durch David Irving" zu lesen: "Der britische Historiker bringt in diesem Zusammenhang die sensationelle Enthüllung, daß Adolf Hitlers eigene Tagebücher - 27 Halbjahresbände einschließlich des ersten Halbjahres 1945 - nunmehr im Bundesgebiet eingetroffen sind als Ergebnis eines Kuhhandels mit einem Generalmajor der Volksarmee. Sie liegen aber in privaten Händen in Baden-Württemberg, und die deutschen Historiker bemühen sich nicht darum."

Jetzt ist ein Krisengipfel fällig. Schließlich sind die wesentlichen Informationen über die Tagebücher nun auf dem Markt. Wenn Kujaus Geschichte mit seinem GeneralBruder denn der Wahrheit entspräche, wäre der jetzt wirklich in Gefahr. Denn natürlich liest der Staatssicherheitsdienst der DDR auch die "National-Zeitung", und die Schlagzeile ist nicht zu übersehen.

Aber die Eingeweihten im Verlagshaus an der Hamburger Außenalster diskutieren weniger über die Konsequenzen für den General-Bruder "Fischer". Es geht vor allem darum, jetzt die noch ausstehenden Tagebuch-Bände so schnell wie möglich zu beschaffen. Und ob es von den Büchern Kopien gebe, wird gefragt. Walde hält das angesichts der Fundgeschichte für ausgeschlossen. Heidemann erzählt, sein Lieferant aus Stuttgart sei schon von seinem Bruder nach Ostberlin zitiert worden.

Merkwürdigerweise passiert gar nichts. Weder ruft Irving an, noch greift irgendeine Zeitung in Deutschland die Meldung von den Hitler-Tagesbüchern in der Weihnachtsausgabe der "National-Zeitung" auf. Das Blatt gilt einfach als zu unseriös und rechtsradikal, um als Nachrichtenquelle ernst genommen zu werden.

Mitte Februar trifft Gerd Heidemann um die Mittagszeit Henri Nannen und Peter Koch vor dem Verlagshaus auf der Straße. Koch ruft ihm zu, die ganze Geschichte müsse nun doch ganz anders aufgezogen werden als bislang geplant. Völlig verdattert kommt Heidemann ins Büro von Walde und berichtet, was Koch gesagt hat. Unverzüglich geht der mit Heidemann in den 6. Stock des "Affenfelsens", wo Koch sein Büro hat.

Der bestätigt, dass er anderen Sinnes geworden sei. Rolf Gillhausen habe das Heß-Manuskript gelesen und aus dem Bauch heraus gesagt, der Nachrichtengehalt der Story sei mit dem von drei "Kurz vor Schluss"-Meldungen zu vergleichen. Das ist die wöchentliche Nachrichten-Seite des "Sterns". Der Einwand von Gillhausen sei völlig berechtigt, die ganze Sache müsse mit der großen Fundgeschichte beginnen. Walde wehrt sich gegen diesen Plan. Von "Hitler-Tagebüchern" dürfe der "Stern" erst sprechen, wenn alle Bände in der Redaktion seien. Und es fehlten immer noch der Jahrgang 1944 komplett und Teile von 1943.

Am 8. März 1983 wird in einer Konferenz von Chefredaktion und Verlag entschieden, dass in Heft 19 - es erscheint am 5. Mai 1983 - in großer Aufmachung die Fundgeschichte veröffentlicht wird. Dann sollen drei Folgen über den Heß-Flug gedruckt werden, und danach sollen die Tagebücher in chronologischer Abfolge von 1932 bis zum "Röhm-Putsch" abgehandelt werden.

Walde prophezeit, mit diesem Veröffentlichungsplan werde man im Chaos enden. Jetzt platzt Koch der Kragen. Wenn Walde sich weiterhin so unflexibel verhalte, so droht er, werde er ihm das ganze Projekt entziehen.

Auch Gerd Heidemann protestiert gegen diese Entscheidung. Er schickt Verlagschef Schulte-Hillen einen vertraulichen Brief, der bei ruhiger Betrachtung ein Alarmsignal hätte sein müssen. Der Reporter weist darauf hin, dass die Beschaffung der noch fehlenden Tagebuch-Bände gefährdet sei und darüber hinaus auch die weiterer historisch wichtiger Materialien:

"1.) 6 tagebuchartige Bände, die Hitler neben seinen uns bekannten Tagebüchern geführt hat.

2.) Adolf Hitlers handgeschriebene Memoiren 'Mein Leben und mein Kampf für Deutschland', verfasst in den Jahren 1942-1944.

3.) Hitlers Buch über die Frau.

(...)

12.) Hitlers Buch über Friedrich den Großen.

13.) Hitlers Buch über König Ludwig II. von Bayern.

14.) Hitlers Oper 'Wieland, der Schmied'."

Muss es Schulte-Hillen nicht spanisch vorkommen, was Hitler alles zu Papier gebracht hat, zum Teil ein und dasselbe Thema doppelt und dreifach? Wäre es jetzt nicht endlich an der Zeit, Heidemann einmal den Puls zu fühlen?

Trotz aller Aufgeregtheiten und Diskussionen geht der Pendelverkehr Hamburg- Stuttgart wie gewohnt weiter, Heidemann bekommt auch immer wieder Bares und bringt neue Bände nach Hamburg. Ende März hat Kujau endlich den Halbjahres-Band 1935 zurückerhalten, den Heidemann im Januar 1980 bei dem schwäbischen Unternehmer gesehen hatte. Nun gibt es aber ein kleines Problem: Kujau hat inzwischen für die ersten sechs Monate des Jahres 1935 längst für Heidemann zwei Vierteljahrs-Bände geschrieben. Eines von Januar bis März, das zweite von April bis Juni. Jetzt gibt es also gleich drei Tagebücher für dieselbe Zeit. Aber Kujau wäre nicht Kujau, wenn ihm dazu nicht eine Erklärung einfiele. Das seien die "Aufzeichnungen für das Jahrbuch Adolf Hitler und die Partei". Die "Aufzeichnungen" seien eine besondere Rarität, es gebe davon noch fünf weitere Bände.

Merkwürdig ist, dass in den beiden Tagebuch-Bänden und in dem "Jahrbuch" über Seiten hinweg dieselben Passagen stehen. Das "Jahrbuch" enthält komischerweise viel persönlichere Sätze. Walde und Heidemann macht weder das eine noch das andere skeptisch. Sie glauben an die doppelte Buchhaltung Hitlers und sind gespannt, was in den fünf Bänden stehen wird. Heidemann soll auch die so schnell wie möglich besorgen.

Auf Betreiben des Bundesarchivs haben endlich erste Materialuntersuchungen der Hitler-Urkunden begonnen, die Walde eingereicht hatte. Dabei stößt der BKA-Chemiker auf Fälschungs-Indizien. Vor allem machen ihn die optischen Aufheller in zahlreichen Papieren skeptisch. Solche chemischen Zusätze sind nämlich erst nach dem 2. Weltkrieg bei der Papierherstellung verwendet worden.

Für den 28. März wird im BKA ein Treffen vereinbart, zu dem Heidemann nach Wiesbaden reist. Gegen 10 Uhr beginnt die denkwürdige Sitzung. Der wissenschaftliche Direktor des BKA, Dr. Ferdinand Werner erklärt, welche Verdachtsmomente sich ergeben haben. Die Telegramm-Entwürfe Horthy und Franco enthalten so starke optische Aufheller, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht echt sind. Auch in einem Hitler-Brief an Göring und dem Aufruf zum Jahreswechsel gibt es solche Hinweise. Bei der Parteiamtlichen Mitteilung zum Heß-Flug - sie stammt aus dem "Sonderband Heß" - hat Werner dieselbe Vermutung, kann es aber erst nach genauer chemischer Analyse mit Bestimmtheit sagen.

In Hamburg informiert Thomas Walde seinen Freund Wilfried Sorge über das Ergebnis des Treffens in Wiesbaden. Sorge ist über die Mitteilung nicht alarmiert, denn die "Parteiamtliche Mitteilung" - die aus dem Heß-Band herausgeschnitten worden war - ist ja nicht betroffen. Diese selektive Wahrnehmung ist typisch für die Behandlung des gesamten Falls. Gute Botschaften werden gern akzeptiert, schlechte beiseite geschoben.

Die beiden Telegramm-Entwürfe sind eben nicht, wie Walde die Bedeutung gegenüber Sorge herunterspielt, irgendwelche nebensächlichen Papiere, sondern Bestandteile der Schriftgutachten. Und wenn die Experten in ihren Expertisen erklären, die beiden Telegramm-Entwürfe seien echte Hitler-Handschrift, dann haben sie sich geirrt oder sind in die Irre geführt worden. An diesem 28. März 1983 werden die Schriftgutachten, die alle so sicher gemacht haben, es mit echtem Hitler-Material zu tun zu haben, in Wahrheit zu Makulatur.


25 Jahre nach der Affäre um die "Hitler-Tagebücher" hat Henri Nannens Chefermittler Michael Seufert aufgeschrieben, wie es dazu kam. Das Buch ist ab sofort in den Buchläden erhältlich. Bereits erschienene Serien-Teile finden Sie unter www.abendblatt.de/tagebuecher

Morgen: Von der "Weltsensation" bis zum Skandal in zwölf Tagen

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