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Kultur & Live

Streitschrift: Die Hamburgerin Noah Sow schildert in ihrem neuen Buch alltägliche Diskriminierungen gegen Schwarze in Deutschland

Vom Rassismus in unserer Mitte

Hamburg. Über Roland Kochs Wahlkampf ist Noah Sow "fast schon froh". Denn die Taktik des hessischen CDU-Politikers sei "wenigstens greifbar asozial". Was die Hamburgerin als größeres Problem sieht, sind die weißen Mitbürger, die sich "zu den Guten zählen", sich aber dennoch diskriminierend verhalten. Die beim Thema Rassismus auf Neo-Nazis als Randerscheinung oder direkt auf andere Länder verweisen, im Alltag aber viele Situationen noch immer durch die koloniale Brille sehen. Die in Bayern geborene Autorin und Musikerin empfindet viele Fragen, die ihr und anderen Schwarzen hierzulande häufig gestellt werden, nicht nur als unreflektiert, sondern schlicht als unverschämt. Etwa "Fühlen Sie sich eher als Deutsche oder als Afrikanerin?" Oder "Bist du adoptiert?"

Eigentlich hat die junge Frau keine Lust mehr, ständig zu erläutern, was an diesen Äußerungen rassistisch ist. "Eine Frau muss einem Mann ja auch nicht erklären, warum es sexistisch ist, wenn er sie ,Muschi' nennt." Aber während in der Geschlechterfrage ein gewisses Bewusstsein existiere, hätte die Gesellschaft in puncto Rassismus einen blinden Fleck entwickelt.

Als "finale Erklärung" hat Noah Sow daher das Buch "Deutschland Schwarz Weiß - Der alltägliche Rassismus" geschrieben. Ihre 320 Seiten starke Streitschrift stellt sie heute im Kulturhaus 73 vor - im Rahmen des "Black History Month", der in den USA seit 1976 landesweit begangen wird und in Hamburg bis zum 9. März Konzerte und Diskussionen der afrodeutschen Community bietet. Am Mittwoch ist sie zudem an der Hamburger Uni zu Gast.

Sow freut sich, dass ihr Buch in einem Popularverlag wie Bertelsmann erscheint, ohne dass sie die Lust der Branche nach biografischen Leidensgeschichten bedienen muss. Ganz bewusst erzählt sie nur wenige persönliche Beispiele. So wurde ihr etwa ein Fotoshooting für einen Merchandise-Katalog abgesagt, da sie ihr Haar als natürlichen Afro und nicht geglättet tragen wollte. Obwohl Sow das Phänomen Rassismus sehr detailliert sprachlich, historisch und medial unter die Lupe nimmt, ist ihr Tonfall kein sachlicher, sondern wütend, humorvoll und polemisch. "Das so nüchtern zu schildern, das wäre nicht mehr ich."

Sow nimmt den (weißen) Leser an die Hand, setzt auch mal auf Schocktherapie und Schärfe, um ordentlich an (versteckten) Klischees in den Köpfen zu rütteln. In ihrer Kritik zu Corinne Hofmanns Buch "Die weiße Massai" heißt es etwa: "Mal abgesehen davon, dass die Erfahrungen ihrer armselig naiv geschlossenen Ehe ungefähr so aussagekräftig für einen ganzen Kontinent sind wie eine Magenverstimmung in Bayern für die zivilisatorische Betrachtung Europas, könnten wir alle viel herzlicher über die lustige Geschichte lachen, wenn dabei nicht jedes einzelne kolonialrassistische Klischee bis zur Neige ausgekostet würde (. . .). Edle Wilde. Vielweiberei. Staub und Dürre und nix zu duschen."

Da Sow kontinuierlich das Selbstverständnis hinterfragt, mit der die deutsche weiße Mehrheit "normal" und "abweichend" definiert, ist die Lektüre eine unbequeme, aber lohnende. Die Autorin schildert auch die Abwehrmechanismen und Aggressionen, die eine offensive Diskussion über Rassismus in Deutschland auslöst. Etwa pauschale Äußerungen wie "Blonde werden auch Opfer von Gewalt". Besonders schwierig ist es für Sow, zu kommunizieren, dass es für Afrodeutsche überhaupt tagtäglich "etwas auszuhalten gibt". Doch für sie ist der Alltag als Schwarze "verdammt anstrengend". Jedes Mal wenn sie in eine Kneipe geht oder den Fernseher anschaltet, kann es passieren, dass sie rassistische Kommentare hört, dass keiner eingreift.

Ihre antirassistische Arbeit bei Vereinen wie "Laut gegen Nazis" oder "Der braune Mob" helfen ihr, nicht in eine Opferrolle zu fallen. Auch beim Live-Gesang auf der Bühne kann Sow viel Frust rauslassen. Und beim Schreiben.


Buchpräsentation: heute, 20 Uhr, Kulturhaus 73, Schulterblatt 73; 28.2., 19.30 Uhr, Cafe Knallhart, Von Melle Park 9; Black History Month: www.colourmusic.de

Noah Sow lebt seit 1998 in Hamburg. Sie arbeitete zunächst als Radiomoderatorin und ist nun u. a. als Musikerin und Autorin aktiv.

Noah Sows 320 Seiten starkes Buch "Deutschland Schwarz Weiß - Der alltägliche Rassismus" ist beim Bertelsmann-Verlag erschienen und kostet 14,95 Euro.

 

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