Der Bunker an der Feldstraße ist ein wenig so, wie Rock 'n' Roll heutzutage funktioniert. Gewaltig, überhöht und auf schäbige Weise schön. Aber auch grau, trist und funktional. Marcus Wiebusch und Reimer Burstorff kreuzen fast täglich dessen Schatten.

Hamburg. Der Bunker an der Feldstraße ist ein wenig so, wie Rock 'n' Roll heutzutage funktioniert. Gewaltig, überhöht und auf schäbige Weise schön. Aber auch grau, trist und funktional. Marcus Wiebusch und Reimer Burstorff kreuzen fast täglich dessen Schatten. Gegenüber im Karostar, dem Haus für Existenzgründer aus der Musikszene, erledigen sie den organisatorischen Teil des Rock-Geschäfts, um den orgiastischen überhaupt erst möglich zu machen.

"Sylt", das dritte Album ihrer Band Kettcar, erscheint am 18. April wie ihre Vorgänger bei der Plattenfirma Grand Hotel Van Cleef, gegründet 2002 mit Tomte-Sänger Thees Uhlmann. Das Label kann sich mit sechs Mitarbeitern und einem Praktikanten zwar den Luxus leisten, Aufgaben zu verteilen. Doch letztlich bleibt Burstorff und Wiebusch die Schizophrenie, künstlerisch und ökonomisch verantwortlich zu sein. Im Alltag bedeutet das: Büro statt Bühne, kopieren statt komponieren, telefonieren statt texten. Das Klischee vom guten alten Rock 'n' Roll sieht anders aus. Und doch ist diese selbstausbeuterische Variante längst Realität.

Seit der Wert einer CD auf den einer Visitenkarte geschrumpft ist und das Geld im Live-Sektor liegt, setzen Plattenfirmen verstärkt auf ein vermeintliches Rund-um-glücklich-Paket, um ihr Überleben zu sichern - das "360-Grad-Modell". Das heißt: möglichst alle potenziellen Cash-Kühe unter einem Dach.

Bei Grand Hotel Van Cleef saß der Schock tief, als vor einem guten Jahr das legendäre Hamburger Label L'Age D'Or pleiteging, bei dem Bands wie Tocotronic zu Hause waren. "Wir haben schnell darauf reagiert", sagt Simon Raß, der beim Grand Hotel u. a. für Künstlerbetreuung und Promotion zuständig ist. Längst vermarktet das kleine Unternehmen nicht mehr nur die Tonträger. Neben einem Musikverlag kamen vor einem halben Jahr eine Booking-Agentur und dann noch ein Management dazu. Lediglich der Vertrieb läuft, wie bei der Vielzahl der "Unabhängigen", der "Indies", über die Firma Indigo, die das physische Produkt in die Läden bringt, sowie online über Finetunes, einem Download-Dienstleister. Doch nicht nur viel Kleinvieh macht viel Mist. Es braucht auch Zugpferde. Unter den neun Acts, die das Grand Hotel unter Vertrag hat, sichern ganze zwei die Existenz - Tomte und Kettcar.

In der Branche die Eier legende Wollmilchsau zu geben, erschöpft sich schnell, wenn die Firma aus nur einer Person besteht. "Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich nicht auch das Booking mitmachen sollte", sagt Jörg Tresp, der mit Devil Duck Records "ganz anachronistisch" CDs veröffentlicht. Jeder müsse sich ernsthaft fragen, ob er als Label-Betreiber das gleiche Know-how habe wie als Tourplaner.

Auch Heinz Canibol, Chef des Hamburger Labels 105 Music, der mit Musikern wie Stefan Gwildis und Annett Louisan große Erfolge verbucht, sieht 360-Grad-Verträge kritisch. "Wir beraten unsere Künstler, beteiligen uns aber nicht." Canibol ist ein alter Hase im Musikgeschäft, er leitete früher u. a. den deutschen Zweig des US-Plattenriesen MCA. Goldene Schallplatten in seinem Büro in der Hamburger City künden von einer Vergangenheit, als Musik nicht nur ideell, sondern auch noch monetär glänzte. Seiner Ansicht nach sei "durch die vielen Entlassungen und Personalwechsel bei den Majors sehr viel Kompetenz verloren gegangen. Kleine Firmen können kreativer und auch konstanter arbeiten."

Zu diesen Mini-Unternehmen zählt auch das Hip-Hop-Label Schmuf Hamburg. Und wer die fünf Betreiber auf ihren 18 Quadratmetern im Karostar besucht, weiß den Begriff "kreative Zelle" ganz neu zu deuten. Zwischen Schreibtischen und CD-Regalen ist kaum Platz, sich umzudrehen. Nebenan rattert die U 3 vorbei. Auch Rapper Bo Flower alias Florian Bauer bringt seine Musik bei der von ihm mitgegründeten Firma raus. Neben einer Partyreihe setzt Schmuf vor allem auf seinen Online-Shop und die virale Qualität des Internets. "Da brauchen wir weniger Marketingpower und können mit Ideen und Fleiß hohe Aufmerksamkeit erreichen." Das Team hat das Projekt autodidaktisch aufgezogen, zusätzlich zu den Brotjobs "nebenbei". "Nach drei Jahren ist unsere Selbstausbildung abgeschlossen", sagt Florian. Doch auch dem Mittzwanziger geht die Schizophrenie, die in der Selbstvermarktung liegt, "an die Nerven".

Allen Indie-Labels ist gemein, dass die Liebe zur Musik gepaart ist mit ausgeprägtem Selbstausbeutungstrieb. Und auf den verlasse sich die Stadt Hamburg viel zu sehr, meinen Dirk Darmstaedter und Gunther Buskies, Chefs von Tapete Records. Das Label beheimatet lokale Bands wie Superpunk, aber auch internationale Künstler wie die Schweden The Horror The Horror. Dem Büro in Bahrenfeld ist anzusehen, dass auch dort auf 360-Grad-Rundumversorgung gesetzt wird. Kisten mit Merchandise-Artikeln stapeln sich neben CD-Paketen und Instrumenten für das letzte Büro-Konzert, das auf YouTube zu sehen sein wird. Im winzigen Wohnzimmer laufen Interviews, während nebenan die nächste Tour geplant wird.

"Es ist ein Standortwert, den wir hier schaffen für das Image der Stadt, aber die Hamburg Marketing gibt lieber Geld für Großveranstaltungen wie Live Earth aus", erklärt Buskies aufgebracht. "Junge Leute ziehen wegen der Musikszene hierher, nicht wegen der Oper", meint Darmstaedter. Er halte zwar nicht viel davon, einzelne Sparten gegeneinander aufzurechnen. Aber bisher habe ihm noch keiner der Verantwortlichen erklären können, warum die Privattheater hoch subventioniert werden, die Plattenfirmen aber nicht.

Das Unternehmen, das zehn Leute beschäftigt, hat sich mit anderen Hamburger Plattenfirmen zusammengetan. Mit einem vergleichsweise geringen Etat von 350 000 Euro könnte den Labels effektiv geholfen werden. Sinnvoll wäre etwa, den Betrieben bei den Portokosten unter die Arme zu greifen. Allein 20 000 Euro im Jahr hat Tapete bisher ausgegeben, um 750 Presse-Kontakte zu beliefern. Um zu sparen, sind sie nun zu drei Viertel auf Online-Bemusterung umgestiegen. Gespräche mit Kulturbehörde und Hamburg Marketing seien bisher im Sande verlaufen. "Die Kulturbehörde arbeitet und fördert den Künstler selbst. Plattenlabels fallen nicht darunter, da wir keine Wirtschaftsförderung betreiben", erklärt die Kulturbehörde. Das sei so "Don-Quichotte-mäßig", sagt Darmstaedter und ergänzt: "Wenn wir nicht ein wenig Unterstützung erfahren, hören wir irgendwann auf." Das wäre tragisch.