Grindel: Lesung für die Kibi
Ist Karin von Welck nur eine Scheinriesin?
Kinder, Eltern und Autoren protestierten in der Schule Kielortallee gegen die Verlegung der Kinderbibliothek.
Hamburg. Manchmal sind es gerade die vermeintlich kleinen Themen, die im Wahlkampf explosiv wirken. SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann hatte jedenfalls die Brisanz des Protests gegen die geplante Verlegung der Kinderbibliothek (Kibi) vom Grindel in die Zentralbibliothek erkannt und kam gemeinsam mit Dorothee Stapelfeldt, der kulturpolitischen Sprecherin der SPD, als Überraschungsgast zur gestrigen Solidaritätslesung von Harry Rowohlt, Dieter Pfaff und Kirsten Boie in die Grundschule Kielortallee. In der überfüllten Mehrzweckhalle begrüßte Naumann die Kinder komplizenhaft: "Wenn ihr groß seid, könnt ihr alle wählen. Darauf freue ich mich." Und der Bürgermeisterkandidat versprach: "Wie geplant geht es nicht. Wir werden für den Erhalt der Bibliothek kämpfen."
Erika Werner, pensionierte Bibliothekarin und Moderatorin der Veranstaltung, nutzte die Ankündigung von "Pu, der Bär" (Rowohlt), "Jim Knopf" (Pfaff) und dem kleinem "Ritter Trenk" (Boie) für polemische Zwischentexte: Sie verglich Kultursenatorin Karin von Welck mit dem Scheinriesen aus Michael Endes "Jim Knopf", der aus der Ferne furchterregend aussehe und von Nahem betrachtet auf menschliches Maß schrumpfe und bei genügend Widerstand klein beigeben werde.
Tatsächlich hatte die Senatorin kurz vor der Lesung eiligst auf den neu aufflammenden Protest reagiert und als Ersatz einen Leseklub in der Ida-Ehre-Gesamtschule angeboten. Was Angela Ziegenhagen von der Kibi-Initiative für ein dürftiges Trostpflaster hält: "Wir sind erfreut darüber, dass unsere Aktionen die Kulturbehörde offensichtlich extrem nervös machen. Das hängt sicherlich auch mit der bevorstehenden Wahl zusammen. Anders als Schnellschuss kann man die Mogelpackung, die jetzt als vermeintlicher Kompromiss dargestellt wird, nicht bezeichnen. Die Kulturbehörde will jetzt Fakten schaffen und Bücher der Kibi an die Ida-Ehre-Gesamtschule verschenken. Und die wird damit geködert, eine neue Schulbücherei zu bekommen." In der Gesamtschule soll eine ehemalige Hausmeisterwohnung renoviert und mit Büchern für eine Schulbibliothek (ab Klasse 5) plus Leseklub für Grundschulkinder ausgestattet werden und per Kooperationsvertrag durch die Bücherhallen fachgerecht unterstützt werden. Unklar aber ist, mit welchem Personal der nachmittägliche Leseklub betrieben wird und wer die laufenden Kosten trägt.
Egal, wie die Sache ausgeht - Kirsten Boie sieht schon jetzt den Nutzen des Protests: "Ich bin überrascht, was die Initiative in Bewegung gebracht hat und welche Wellen das geschlagen hat. Jeder weiß, dass ein Leseklub in einer Schulbibliothek kein angemessener Ersatz für die Kibi sein kann. Aber wir müssen auch das Positive sehen: Es ist eine Diskussion in Gang gekommen, aus der sich etwas entwickeln lässt - zum Beispiel, dass Schulbibliotheken verbessert und in die Stadtteile hinein geöffnet werden könnten."




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