07.02.08

Öko-Thriller: Wie der Hamburger Autor Dirk C. Fleck die Vision vom "Tahiti-Projekt" erfand

Eine Insel gegen den globalen Wahnsinn

Was wäre, wenn irgendwo jemand tatsächlich Ernst machte mit dem Umweltschutz?

Hamburg. Das Jammern und Mahnen angesichts von Umweltzerstörung, brutalem Ressourcen-Raubbau und Klimakatastrophe, die gemütsverdüsternde Krisenstimmung, das unwohlige Gefühl, auf einer globalen "Titanic" zu sitzen, die unaufhaltsam ihrem Untergang entgegenrast - wer mag das noch hören? Was aber setzt man dem vielstimmigen Chor der Untergangsapostel, der kollektiven Depression und der eigenen Trägheit entgegen?

Wenig. Auch im Jahr 2022 noch nicht viel. Nur auf einer kleinen Südsee-Insel reißt ein junger Präsident das Ruder herum: Rückbau der Pauschalhotels und Ferien-Resorts, Einschränkung des Flugverkehrs, ökologische Regionalisierung, Umbau des Wirtschaftskreislaufs, Nutzung modernster sanfter Techniken, die seit Jahren vor allem in deutschen Forscher-Schubladen schlummern. Unabhängigkeit von der globalen Wirtschaft. Und Glück für alle, dass das vornehmlich aus einer Besinnung auf die Wurzeln und Werte der eigenen Gesellschaft resultiert.

Ein Reporter des Katastrophen-Reportage-Magazins "Emergency" (es erscheint in einem internationalen Verlag mit Ableger in Hamburg) wird hingeschickt, um eine Reportage über die verrückte "Öko-Sekte" zu recherchieren . . . "Schreiben Sie doch mal was Positives!", hörte dagegen der Hamburger Journalist Dirk C. Fleck (er schrieb u. a. für "Stern", "Spiegel", "Geo", "Morgenpost", "Welt", "Tempo" und "Merian"). Da hatte er in zwei Büchern bereits Horrorvisionen von ökologischen Katastrophen und Ökodiktaturen durchgespielt. "Das Positive" forderte Eric Bihl ein, ein Mann, der zum Kreis der "Equilibristen" gehört - Wissenschaftler, Politiker, Autoren, Wirtschaftsleute quer durch die bürgerliche Gesellschaft, die sich Gedanken über eine machbare Umkehr machen.

Einer von ihnen, bis zu seinem Tod 2004, war Peter Ustinov. Er sah das Ziel der Gruppe so: "Das Konzept des Equilibrismus strebt nach einem Ausgleich zwischen Ökologie, Ökonomie, Politik, Sozialem und Kulturellem. In einer Zeit, in der das ausschließlich ökonomische Denken um sich greift und die Wirtschaft auf globaler Ebene omnipotent wird, ist dieses Ziel dringlicher denn je."

Sir Peter stand dann bei einem Besuch in seinem schweizerischen Heimatort Nyon auch Pate für den neuen Roman von Dirk C. Fleck mit dem Titel: "Das Tahiti-Projekt": "Er wollte, dass sich die Ideen ausbreiten. ,Schreib einen Roman', sagte er, ,einen, der später ein Film werden kann - so erreichen wir wirklich viele Menschen weltweit.'"

Dirk C. Fleck hatte schon Drehbücher geschrieben; er weiß, wie das geht. "Das Tahiti-Projekt" (ab heute in den Buchläden) beginnt mit einem Killer-Einsatz auf der dänischen Insel Bornholm. Ziel: ein renitenter Wissenschaftler. Die Geschichte schneidet hinüber ins Weiße Haus. Insider-Blicke auf Geheimdienste und ein sehr illegales Wirtschaftsprojekt - die Fäden laufen in Washington zusammen. All das bedroht die aufkeimende Öko-Idylle auf Tahiti. Und verbindet sich mit einer romantischen Liebesgeschichte zum fesselnden Thriller, der seine Leser bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt. Bis die erste Konfrontation zwischen Supermächten und den Umdenkern von der Insel entschieden ist.

Tahiti, Sehnsuchtsort zivilisationsgestresster Europäer seit ihrer Entdeckung im Jahr 1767, spielt darin die Rolle des verlorenen Paradieses. Fleck war vier Wochen dort, um Farben, Gerüche, Stimmung einzufangen. "Ich habe wie ein Besessener geschrieben, im Sitzen, im Stehen, im Laufen." Und er weiß jetzt: "Der globale Wahnsinn tut auf einer schönen Insel noch mal deutlich mehr weh als in Wandsbek oder Eimsbüttel."

Finanziell haben ihn die Equilibristen unterstützt, zwei Jahre lang, bis der in wenigen Minuten skizzierte Plot zum fertigen Roman gereift war. Seine Recherchen im Internet haben ihm eine Unzahl ökologisch sinnvoller Forschungsergebnisse beschert, die er eingearbeitet hat: Elektro-Autos, ein Kleinkabinen-System für den öffentlichen Verkehr, Wellen-Kraftwerke, Öko-Werkstoffe für Neubauten, Straßen und Kleidung, treibstoffsparende Tiefstflieger für Schwertransporte. "Alles real, alles erforscht. Es wird bei uns nur nicht eingesetzt." Zum Buch steuert das einen lehrreichen Hauch Jules Verne bei - mit dem Unterschied, dass im Glossar auf die Web-Seiten der realen Forscher verwiesen wird.

Privat ist der Autor der schönen Ökovision eher Skeptiker: "Auch ein gelungener Modellversuch auf Tahiti wäre ja nur ein Fliegenschiss in der Katastrophe." Vom globalen, raschen und konsequenten Umdenken sieht er die Menschheit weit entfernt: "Da müsste man unsere gesamte Werteskala auf den Kopf stellen, und das wird nicht funktionieren."

Fleck ist Ökoskeptiker, dem nichts ferner liegt, als ein untergegangenes Paradies zu romantisieren. Er weiß, dass die meisten Zivilisationen im selbst produzierten Öko-GAU untergegangen sind: "Die Naturvölker sind auch nicht besser mit der Natur umgegangen, sie waren nur nicht so viele und hatten keine Motorsägen", sagt er lakonisch. "Vielleicht ist die Menschheit ja nur ein Krebsgeschwür am Lebewesen Erde. Eine Krebszelle weiß ja auch nicht, dass sie mit ihrem Wuchern ihren Wirt am Ende vernichtet . . . Niemand setzt sich vorsätzlich in einer geschlossenen Garage ins Auto und lässt den Motor laufen. Weil er weiß, was hinten rauskommt. Unsere Erde mit ihrer Atmosphäre ist aber auch so eine Garage, nur will das niemand sehen. Wir begehen globalen Ökozid und diskutieren derweil über Mindestlohn und Riesterrente."

Solche Gedanken können kann ganz schön runterziehen: "Ich wäre fast ertrunken an meinen Umweltängsten. Die Arbeit am ,Tahiti-Projekt' hat mich gerettet und gesunden lassen. Auch das kann Literatur bewerkstelligen."

Sieht er wirklich keine Chance zur Umkehr? "Ich glaube, dass die Menschen nur umdenken werden, wenn die Folgen unseres Tuns in eine so gigantische Katastrophe führen, dass gar keine andere Wahl mehr bleibt."

Ein bisschen Hoffnung muss aber auch sein: Der Autor, der ohne Auto, Handy und Fleischessen auskommt, verweist auf eine Anekdote zu Sokrates, der vor dem Trinken des tödlichen Schierlingsbechers den letzten Wunsch geäußert haben soll, ein Instrument lernen zu wollen, und die erstaunte Frage des Henkers: "Jetzt noch?" mit der Gegenfrage parierte: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Fleck kann sich, wenn er seine Fantasie von der Leine lässt, vieles vorstellen, das heute noch unvorstellbar scheint: "Einen ökologischen Zivilidienst, der aufräumt auf diesem Planeten - das könnte viel Spaß machen und Leute mobilisieren, denen es zum Hals heraushängt, durch immer neue Pseudobefriedigungen nicht ernst genommen zu werden."

Zentrales Thema im "Tahiti-Projekt" ist denn auch das Glück der Menschen: Was ist Glück? Welchen Preis wollen wir dafür bezahlen? Sind oder werden wir mit unserer Lebensweise glücklich, oder nehmen wir irgendwann unsere sehr wohl wahrgenommenen Defizite endlich ernst?

"Wir können Probleme nicht mit den Denkmustern lösen, die zu ihnen geführt haben", konstatierte Albert Einstein. "Das Tahiti-Projekt" ist ein Fünkchen Hoffnung, ein Mut machender Anstoß, die Denkrichtung wenigstens versuchsweise radikal zu wechseln.

  • Dirk C. Fleck: Das Tahiti-Projekt. Pendo, 344 S., 19,90 Euro .

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