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Kultur & Live

Siegerin: Kurzgeschichten-Wettbewerb

Morgens Romane, mittags Schriftsätze

Die Hamburgerin Eva Scheller gewann den Abendblatt-Kurzgeschichtenwettbewerb - eigentlich ist sie Anwältin.

Hamburg. Nein, ein totes Tier habe sie noch nie in ihrem Garten gehabt, sagt Eva Scheller. Ganz bestimmt nicht. Nicht einmal einen Igel? Einen klitzekleinen vielleicht? "Um Gottes willen!" Wie man denn bloß auf dieIdee komme, will sie nicht wissen. Natürlich nicht. "Im Vorgarten ein totes Kamel" heißt die Erzählung, mit der die Hamburger Autorin Eva Scheller den Kurzgeschichtenwettbewerb des Abendblatts, der Verlage Carl Hanser, Diogenes und Rowohlt sowie der Heinrich-Heine-Buchhandlung gewonnen hat - obwohl ein totes Kamel darin eigentlich gar keine Rolle spielt. Nicht explizit jedenfalls: "Ich habe mal eine Geschichte gelesen, in der ein Mann eine tote Giraffe in seinem Garten gefunden hat. Das fand ich ein starkes Bild", erzählt Scheller. Ein Bild, das zum Auslöser für ihre eigene Erzählung wurde und darin als Erinnerung auftaucht, als die Vorstellung von einem großen, stinkenden Kadaver, eine Parallele für die sonst sprichwörtliche Leiche im Keller.

Die allerdings hat Britta, Eva Schellers Ich-Erzählerin, tatsächlich: ihre Mutter. In einer Urne. Der letzte Wunsch der Mutter, ihre Asche in einem Kiefernwäldchen zu verstreuen, in dem die Familie einst ihre Sommerurlaube verbrachte, zwingt Britta zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die Gnadenlosigkeit der Erziehung, die diffuse Erinnerung an eine unbekannte Schwester und ein seltsamer alter Fremder.

Eine beklemmende Geschichte hat Eva Scheller geschrieben, dicht, genau und voller Unbehagen und Geheimnis. Dabei beschäftigt sich die Autorin, die gerade ihren ersten Erzählband "Richter Raabes Spaziergänge" im Verlag C. H. Beck veröffentlichte, im Alltag mit ganz anderen Begebenheiten: Eva Scheller arbeitet in Hamburg als Anwältin in einer international ausgerichteten Sozietät - und kümmert sich vor allem um Produktpiraterie.

"Markenfälschungen und solche Sachen. Dabei wollte ich ja eigentlich schon als Kind Schriftstellerin werden", erzählt Scheller und lacht. Vor neun Jahren, als sie noch Partnerin der Sozietät war, sei sie "wieder übers Schreiben gestolpert". Sie kündigte die Partnerschaft und entschied sich für ein Doppelleben: Heute springt die 47-Jährige fast täglich zwischen ihren Welten, schreibt vormittags in ihrer Wohnung im Generalsviertel an Kurzprosa und Romanentwürfen und fährt mittags ins Büro.

"Das Umschalten ist manchmal schwierig", gibt sie zu. "Das literarische Schreiben ist auch anstrengend." Blumiger sei ihre juristische Ausdrucksweise darüber nicht geworden, aber auch nicht unbeeindruckt von der Beschäftigung mit Literatur, gesteht Scheller und lächelt: "Ich bin wohl ein bisschen mäkeliger geworden, was das Verfassen von juristischen Schriftsätzen angeht."

Andersherum liegt die Vermutung nahe, dass die Anwältin sich literarisch von ihren Fällen inspririeren lässt. "Bei ,Richter Raabes Spaziergänge' sicher", nickt sie. "Aber solche Geschichten schreibe ich nicht mehr." Wichtiger ist ohnehin, dass die Inspiration durch eine tote Giraffe im Garten selbst dann nicht als Markenfälschung gilt, wenn die Giraffe plötzlich ein Kamel ist.

  • Lesen Sie die Siegererzählung am Sonnabend im Abendblatt-Wochenendmagazin "Journal".

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