SHMF: Dudamel in der Musik- und Kongresshalle Lübeck
Mit musikantischer Leidenschaft
Lübeck. War das nun noch ein Konzert? Oder doch schon das viel beschworene "Wunder"?
Schwer zu sagen, nach dem ganzen Medienhype um Gustavo Dudamel und sein Simon-Bolivar-Jugendorchester - die Galionsfiguren jener weltweit einzigartigen Nachwuchsförderung in Venezuela, die 250 000 Kindern aus überwiegend ärmlichen Verhältnissen eine komplette musikalische Ausbildung finanziert.
Fest steht: Die Eliteauswahl dieses Systems bescherte den Besuchern des SHMF-Konzerts in der prallvollen Lübecker MuK einen außergewöhnlichen, mit minutenlangen Beifallsstürmen gefeierten Abend. Schon die bloße Menge von knapp 200 Musikern im Alter von 16 bis 26 Jahren ist äußerlich imposant und ganz schön laut. Und es war frappierend, wie leichtgängig sich dieser riesige Apparat von seinem Kollegen Dudamel lenken ließ. Der jugendliche Shooting-Star dirigierte auswendig und mit temperamentvollen, präzisen, teilweise aber auch sparsamen Gesten - und führte seine Musiker traumwandlerisch sicher durch die feurig-filigranen Rhythmen in den sinfonischen Tänzen aus Bernsteins "West Side Story".
Für die zweite Hälfte hatten sich die Interpreten mit Mahlers 5. Sinfonie einen noch mächtigeren Brocken auf die Pulte gelegt. Und daran dann doch ein bisschen verhoben.
Gewiss, auch hier gelangen ihnen nicht nur technisch beeindruckende, sondern auch emotional packende Momente, wie zu Beginn des zweiten Satzes, dessen Vorschrift "stürmisch bewegt" nur selten so orkanartig aus den Instrumenten gefegt kommt wie hier. Doch wollten sich die hitzigen Einzelmomente nicht zu einem großen, Mahlers weit gespannter Gesamtkonzeption entsprechenden Ganzen fügen. Und beim berühmten "Adagietto", in dem kein erregtes Vorandrängen, sondern ein breit ausströmender, trauervoller Gesang ertönt, wurde der Streicherklang mitunter fest und ein wenig scharf, wo er hätte gedeckt bleiben müssen.
So gelang es Dudamel und seinem Orchester trotz markerschütterndem Finale nicht ganz, bis in die letzten Tiefenschichten der Partitur vorzudringen. Doch das wäre vielleicht auch ein bisschen zu viel erwartet - schließlich handelt es sich, bei aller Professionalität und musikantischer Leidenschaft, eben doch noch um ein Jugendorchester. Auch wenn es wahrscheinlich das mit Abstand beste der Welt ist. Wunder? Konzert? Vielleicht am ehesten ein wunderbares Konzert.




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