Um Kinder schon im ersten Lebensjahr an das Medium Buch heranzuführen, hat die Kulturbehörde gemeinsam mit privaten Partnern das Projekt "Buchstart" begonnen.
Bücher müssen nicht unbedingt gelesen oder angeschaut werden, um anregend zu wirken. Emilian jedenfalls ist voll und ganz beschäftigt. Er hat ein buntes Buch aufgeschlagen vor sich, knabbert und sabbert an einer dicken Seite und steckt seine linke Hand von außen durch eine kleine Öffnung im Karton, sodass sie auf der Zeichnung im Inneren erscheint. Dass das Fäustchen dort als monströses Hindernis eine Fahrbahn blockiert, auf der eine tierische Verfolgungsjagd stattfindet, interessiert ihn überhaupt nicht.
Emilian ist fünf Monate alt. Und noch nicht ganz die Zielgruppe, die seine Mutter Dunja Schnabel, auf deren Schoß er sitzt, mit ihrem Bilderbuch "Alle fahren mit" angepeilt hat. Dass der Sohn der Autorin sich am Rande der Pressekonferenz zum Hamburger Projekt "Buchstart" dennoch bestens unterhält, ist ein erfreulicher Nebeneffekt, der die These stützt, um die es bei der Veranstaltung geht: Es ist nie zu früh, Kinder mit Büchern in Kontakt zu bringen.
Die Idee kommt aus England
Angestiftet von den positiven Erfahrungen der britischen Initiative "bookstart" hat die Kulturbehörde mit privaten Partnern jetzt ihr Projekt zur frühkindlichen Leseförderung begonnen. Die Idee ist simpel, hat aber nachhaltige Wirkung: Bereits im ersten Lebensjahr sollen alle Kinder ein Buchpaket als Geschenk erhalten, um frühe Vertrautheit mit dem Medium Buch herzustellen. Was 1992 in Manchester als Idee einer Publizistin startete, ist in Großbritannien längst eine landesweite Aktion der Regierung, die seit 2005 mit zwei zusätzlichen Buchpaketen auf die ganze Vorschulzeit ausgedehnt wurde. Das ist den Briten 27 Millionen Pfund im Jahr wert.
Hamburg fängt bescheiden an, mit einem gut gefüllten Leinenbeutel, den das Logo des Hamburger Illustrators Ole Könnecke ziert: drei Kleinkinder, die gemeinsam so konzentriert auf ein hochgestelltes Buch schauen, als wär's ein Fernseher. In der Tragetasche verbergen sich die Bücher "Alle fahren mit" und "Finn, der Fuchs" (mit Fingerpüppchen), einige Broschüren für Eltern, sowie ein Pixi-Buch. Alle Hamburger Kinder im Alter von zehn Monaten, ungefähr 16000 jährlich, sollen den Beutel bei der Baby-Untersuchung U6 von ihrem Kinderarzt erhalten. Die Kosten betragen 350000 Euro pro Jahr, das Projekt ist auf mindestens sechs Jahre angelegt.
Bei diesem zweiten deutschen Lesestart-Projekt für Babys - das erste hat die Stiftung Lesen im November 2006 in Sachsen begonnen - will Hamburg von den britischen Erfahrungen profitieren: "Alles, was die gut machen, müssen wir gnadenlos übernehmen", sagt Kultursenatorin Karin von Welck. Dazu zählt die Vernetzung mit Partnern wie Kinderärzten, Verlagen und öffentlichen Bibliotheken.
Einig sind sich die Partner der Aktion darüber, dass etwas getan werden muss. "Ich sehe im 2. bis 4. Lebensjahr mehr Sprachentwicklungsstörungen als früher", sagt der Hamburger Kinderarzt Ulrich Neumann und verweist auf seinen Berliner Kollegen Ulrich Fegeler. Der hat in einem Artikel Studien zitiert, nach denen schon im Jahr 2000 jedes dritte bis vierte Kind bis acht in Bayern entwicklungstherapeutisch behandelt wurde. Und bei einer Schuleingangsuntersuchung in Salzgitter war hinsichtlich ihrer Sprachentwicklung rund ein Drittel der Sechsjährigen auffällig bis therapiebedürftig. In den Großstädten, schrieb Fegeler, sei es noch dramatischer. Und die Kinderärzte sollen am Ende helfen: "Alles, was an gesellschaftlichen Problemen auftaucht, wird medikalisiert. Doch der Kinderarzt kann es nicht richten", sagt Ulrich Neumann.
Erster Schritt zur Lesekompetenz
"Buchstart" könnte ein Schritt auf dem richtigen Weg sein, glaubt Professor Michael Schulte-Markwort, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik am UKE und am Altonaer Kinderkrankenhaus. Er wird das Projekt mit einer wissenschaftlichen Untersuchung begleiten. "Buchstart", so der Kinderpsychologe, forciert das, was Eltern tun sollten, wenn sie Kleinkinder durch ein Buch führen: vorlesen, erzählen, reimen, singen, wiederholen, das Wiedererkennen fördern und das Kind dadurch anregen. Dabei sollte das Buch an der spezifischen Entwicklungsstufe orientiert sein. Zu beachten ist auch, dass die Aufmerksamkeitsspanne bei einem Kind im Säuglingsalter nicht mehr als 30 Sekunden pro Seite beträgt. Bei "Buchstart" wird es wesentlich um die Kinder gehen, denen die Erfahrungen mit Büchern komplett fehlen. "Deshalb ist es gut, dass die Buchpakete bei der U6 übergeben werden", meint Schulte-Markwort. Die Kinderärzte erreichen durch die empfohlenen Untersuchungen 92 bis 95 Prozent aller Kinder. "Wir haben eine starke Funktion", so Ulrich Neumann. "Die Eltern hören auf uns, wir haben ein Vertrauensverhältnis aufgebaut." Die U6 prüft die allgemeine Entwicklung bei zehnmonatigen Kindern, insbesondere die Sprachentwicklung bekommt in dieser Phase einen Schub. Kinder fangen an, Doppellaute wie Mama, Papa, Auto zu bilden. Neumann hat das Buchgeschenk spielerisch in die U 6 eingebaut und ist zufrieden: "Auch skeptische Kinder haben positiv darauf reagiert. Und für die Eltern ist es ein Anreiz, das auch zu Hause zu nutzen."
"Leseförderung muss genau dort ansetzen, wo Buchstart" beginnt", sagt Achim Twardy, Vorstandsmitglied des Hauptsponsors Gruner+ Jahr. "Hier messen wir nicht in Zahlen. Es geht um Lesekompetenz und damit um unser aller Zukunft." Ulrich Neumann fügt hinzu: "Wenn wir nicht rechtzeitig in Maßnahmen investieren, die den Spracherwerb fördern, kommen später viel höhere Reparaturkosten auf unsere Gesellschaft zu."














