Bertini-Preis: 98 Hamburger Jugendliche wurden ausgezeichnet für ihr hartnäckiges Engagement
Zivilcourage ist die Basis unserer Gesellschaft
Sie nehmen Unrecht und Unmenschlichkeit nicht hin, sie erinnern an vergangenes Unrecht. Und sie engagieren sich für eine bessere Zukunft.
Hamburg. Es gibt junge Menschen in Hamburg, für die die grausamen Verbrechen in der Nazi-Zeit heute noch ein Thema sind. Die sich in ihrer Freizeit mit den Spuren von Ungerechtigkeit und Gewalt in der jüngeren Geschichte auseinandersetzen und sich auch in der Gegenwart gegen Ausgrenzung und Intoleranz engagieren. So schrieben und inszenierten Schüler des Gymnasiums Grootmoor ein Stück über Kinder, die im Holocaust umkamen. Eine Klasse der Ganztagsschule St. Pauli setzte sich intensiv dafür ein, dass ihre Mitschülerin nicht abgeschoben wird. Der Student Justus von Grone fotografierte Informationstafeln, die an die Orte des Widerstandes in Hamburg erinnern und machte daraus eine Ausstellung, um auch anderen Hamburgern die "schwarze Topografie der Hansestadt" zu zeigen, so der 22-Jährige. Diese und vier weitere Projekte wurden am Montag im Ernst-Deutsch-Theater mit dem Bertini-Preis 2006 ausgezeichnet.
Fast alle 750 roten Theatersessel waren besetzt. Zu der festlichen Veranstaltung waren neben den 98 Preisträgern viele Schulkameraden, Freunde, Lehrer und Eltern gekommen. Sie alle wurden von Moderatorin Patricia Seeger von NDR 90,3 begrüßt, die auch durch die Veranstaltung führte. Grußworte sprachen Hans-Juergen Fink (Hamburger Abendblatt) für den Vorstand des Bertini-Preises und Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig. Sie lobte, dass der bereits zum neunten Mal verliehene Bertini-Preis "junge Menschen dazu anregt, etwas zu tun und zu bewirken". Und sie zählte Beispiele auf, bei denen sich junge Leute in den vergangenen Jahren über ihre Projekte und die Preisvergabe hinaus engagiert hatten, etwa für das Aufstellen von Gedenktafeln oder das Verfassen eines Buches.
Mit lockeren Worten begann "Tagesthemen"-Moderatorin Anne Will ihre Festrede. Die Journalistin erzählte einen kleine erlebte Alltagsgeschichte, in der es um Rechthaberei und Selbstbezogenheit ging, und lobte im Gegensatz dazu die selbstlosen jungen Preisträger, die "den Mut aufbringen, auch unpopuläre Themen anzugehen", den Willen zeigen, gegen das Vergessen anzutreten, und sich auch gegen die "rechten Idioten" mit Zivilcourage zu wehren. Für ihre Worte: "Gäbe es in unserer Gesellschaft nicht Zivilcourage und mutige Menschen, dann gäbe es unsere Gesellschaft nicht", erhielt sie kräftigen Beifall.
Anne Will schloss ihre Rede mit einer Anlehnung an das Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog: "Das meiste Unrecht beginnt im Kleinen, da lässt es sich mit Mut und Zivilcourage noch bekämpfen." Und Anne Will fügte hinzu: "Da muss es bekämpft werden."
Nach swingenden musikalischen Einlagen der Paul Schmidt Band der Jugendmusikschule erhielten die Preisträger nacheinander auf der Bühne die Bertini-Preis-Urkunden und den Scheck über das Preisgeld von 1500 Euro sowie eine vom Autor Ralph Giordano signierte Ausgabe seines Romans "Die Bertinis".
Das Buch, die Familiengeschichte des Autors Giordano während der Verfolgungen in der Nazizeit, gab dem Preis seinen Namen, als der Hamburger Lehrer Michael Magunna ihn 1998 initiierte. Seither wird die Auszeichnung jährlich vergeben. Sie ehrt den Einsatz junger Leute, die nach dem Motto des Bertini-Preises handeln: "Hinschauen, wenn andere wegsehen, sich einmischen, wenn andere schweigen, erinnern, wenn andere vergessen, eingreifen, wenn andere sich wegdrehen, unbequem sein, wenn andere sich anpassen." Unter 26 Bewerbungen wählte die Jury 2006 die Preisträger aus, die nun zwei Tage nach dem Gedenktag an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft geehrt wurden.
Zu den Paten, die Laudationes für die Preisträger hielten, gehörte auch der Ehrenvorsitzende Ralph Giordano, der die Veranstaltung mit persönlichen Worten schloss. "Nichts hatten wir aus der Nazi-Zeit gerettet, keinen Teller, keinen Löffel. Unser zentrales Lebensgefühl war die Furcht. Da beschloss ich, dieses Buch über meine Familie und ihre Geschichte zu schreiben." Das war 1942; vierzig Jahre später erschien "Die Bertinis".
Dass sich jetzt so viele junge Leute um den Bertini-Preis bewerben, erfüllt Ralph Giordano mit Hoffnung: "Sie haben mich glücklich gemacht", sagte der 83-Jährige ergriffen. Und das Publikum erhob sich von den Plätzen, um dem Namensgeber und den Preisträgern für die gute Sache zu danken, die der Bertini-Preis in Hamburg geworden ist.




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