20.01.07

Kanzler-Gemälde: "Heroische Pose, erbarmungsloser Blick"

Der goldene Gerd

Jörg Immendorff hat Altkanzler Gerhard Schröder porträtiert - oder eher persifliert?

Hamburg. In London drängen sie seit Monaten darauf, dass Prinz William doch bitte seine Kate ehelichen möge, damit das längst mit beider Konterfei bedruckte Geschirr endlich rauf auf die Ladentische kommt. Schon Lady Di machte sich dereinst bestens auf britischen Kaffeepötten, und da hofft man an der Themse verständlicherweise auf den nächsten royalen Verkaufsschlager.

An der Spree war derartige Vermarkung der herrschenden Klasse bislang eher unüblich. Das könnte sich nun ändern: Der goldene Gerd ist da. Das Auftragswerk für die Berliner Galerie der ehemaligen Bundeskanzler. Der Immendorff-Schröder. Und er ist, wie der Berliner wohl sagen würde, 'ne ziemliche Wucht geworden. Ein überlebensgroßes schwarz-rot-güldenes Altkanzler-Oval (eine Reverenz möglicherweise auch an den US-Begriff des dortigen Regierungsbüros, das Oval Office ), das in Form, Farbe und popkultureller Expressivität mindestens nach Sammeltasse schreit.

"Ich bin überzeugt, dass er sich sehr hübsch auf Meißner Porzellan machen würde", bestätigt Christoph Heinrich und grinst. Dem Leiter der Hamburger Galerie der Gegenwart ist es nahezu unmöglich, das vom Düsseldorfer "Malerfürsten" Jörg Immendorff geschaffene Kanzlerporträt ohne Ironie zu betrachten. "Dass Schröder ein schöner Mann ist, wusste man immer. Aber dass er jetzt auch so schön leuchten kann! Eigentlich wäre das doch das ideale Cover für die ,Titanic'".

Ob das Titelblatt eines Satiremagazins die Art von Zweitverwertung war, die der Kanzler und sein Künstler im Sinn hatten, als sie sich auf einer gemeinsamen Auslandsreise nach Tiflis vor sieben Jahren gegenseitig das Abschiedsporträt versprachen, weiß man natürlich nicht. "Eine gewisse immendorffsche Gemeinheit" vermutet Heinrich durchaus hinter dem Bildnis: "Das ist doch wie die Persiflage eines Herrscherporträts. Geradezu erschütternd, wie Immendorff hier schon die Vorwegnahme der Vergöttlichung angelegt hat. Das kann man eigentlich nur als Karikatur betrachten."

"Die heroische Pose, der erbarmungslose Blick in die Ferne, die tatkräftig zusammengepressten Lippen" erinnern Heinrich an totalitäre Herrscherporträts: "Da fehlen einem fast die Worte. In der chinesischen Kulturrevolution hat es den Moment gegeben, in dem Mao und Buddha eins wurden. Aber, Entschuldigung, wir leben doch noch immer in einer Demokratie."

In der es einem Künstler aber eben auch gestattet ist, das Parlament als Affenfelsen zu verulken, in dem kleine eifrige Äffchen ihrem Kanzler - offenbar vergeblich - etwas einzuflüstern versuchen. Aber das ist natürlich eine Unterstellung. Immendorff selbst will die Affen als Hommage an den Kanzler verstanden wissen, der sich stets "um die Künstler gekümmert" habe. "Der Affe ist seit dem Barock die Personifikation des Malers, der ja auch die Wirklichkeit nachäfft", erklärt Heinrich. Weshalb auch die schwarze Figur unten rechts eine Reverenz des Künstlers an sich selbst ist. Der unheilbar an einer Nervenkrankheit leidende, "gebrochene" Immendorff konnte das Werk nur mit Hilfe seiner Assistenten fertigstellen.

Und links? Das rote Etwas? Tatsächlich ein symbolstrotzend zerfließender Bundesadler? "Meinetwegen", sagt Heinrich und zieht eine Augenbraue hoch. "Kann aber auch ein amorphes Honigkuchenpferd sein. Nennen wir es doch mal so."

Alles in allem biete das Bild "jene Art von Ironie", glaubt Heinrich, die jedem Betrachter das liefere, was er darin sehen wolle: "Man kann Schröder verklärt sehen oder sich lustig machen, man kann es als das Ende der Porträtmalerei verstehen oder als Beweis für eine neue altmeisterliche Handwerkskunst."

Eigenwillig ist der goldene Gerd allemal. Wer weiß, ob die Merchandising-Maschinerie nicht längst angelaufen ist. Fortsetzung folgt im Museumsshop Ihres Vertrauens.

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