11.01.07

Literatur: Clemens Meyer erhält heute den Mara-Cassens-Preis

Wenderoman aus der Zweiraumwohnung

"Als wir träumten" - der Leipziger Autor hat einen großen Roman geschrieben, der im gesellschaftlichen Abseits spielt.

Von Heinrich Oehmsen

Leipzig. An der Wand hängt ein Wimpel des BFC Sachsen Leipzig, den Platz über dem Schreibtisch zieren Fotos von berühmten Boxern, Graciano Rocchigiani ist ebenso dabei wie Mike Tyson, Henry Maske fehlt. Ansonsten dominieren Bücher den Raum. In den Regalen, auf dem Wohnzimmertisch, auf dem Schreibtisch. Es ist die Stube eines Schriftstellers. Hier arbeitet Clemens Meyer, hier macht er sich Notizen auf seiner Schreibmaschine, hier liest er, hier ist sein Roman "Als wir träumten" entstanden. Sechs Jahre lang hat der 29 Jahre alte ehemalige Student des Leipziger Literaturinstituts an seinem 600 Seiten starken Epos geschrieben. "Manchmal nur 20 Seiten im Jahr, in anderen 200", sagt er.

"Als wir träumten" zählt zu den stärksten Werken, die im vergangenen Jahr in Deutschland erschienen sind, von einem Debütanten allemal. Die Kritik lobte das Werk einhellig, es hagelte Preise. Unter anderem den Rheingau-Literatur-Preis, mit 10 000 Euro und 111 Flaschen Riesling dotiert (Meyers Kommentar: "Alkohol ist bei mir immer gut aufgehoben") und auch den Mara-Cassens-Preis des Hamburger Literaturhauses. Heute wird Clemens Meyer die Laudatio hören und weitere 10 000 Euro in Empfang nehmen. Geld, das der junge Autor gut gebrauchen kann. Bis vor einem Jahr hat er von Sozialhilfe gelebt oder sich mit Jobs über Wasser gehalten. Als Wachmann zum Beispiel. Oder als Bauhelfer.

Den Bachmann-Preis in Klagenfurt hätte er im Sommer auch gerne mit nach Leipzig genommen. Doch die Jury konnte mit seinem Text nicht viel anfangen. "Knastromantik" und "Unterschicht-Kasperletheater" lautete die harsche Kritik einiger Juroren. Meyer hält seinen Text dennoch für den besten des letztjährigen Wettbewerbs. "Es hätte wohl nicht gepasst, wenn ich gewonnen hätte", sagt er. "War 'ne Erfahrung wert, aber da fahre ich nicht mehr hin", sagt er in weicher sächsischer Lautfärbung.

Clemens Meyer scheint wirklich nicht in diesen zirzensischen Elfenbeinturm von Klagenfurt zu passen, dafür ist er viel zu sehr in seiner Leipziger Heimat geerdet. Wenn er aus seinem Wohnzimmerfenster schaut, blickt er auf eine mit Stroh bedeckte Brachlandschaft, in einigen Hundert Metern entfernt steht eine verlassene Fabrik aus der Gründerzeit. Sein ganzes Leben hat Meyer in Leipzig verbracht, seit mehr als zehn Jahren lebt er in seiner Zweiraumwohnung in Anger-Crottendorf im Osten der Stadt, die nicht gerade als hippe Wohngegend verschrien ist.

Sein Roman spielt in einer ähnlichen Gegend von Leipzig, in Reudnitz. "Als wir träumten" erzählt die Geschichte von ein paar Freunden von der Schulzeit bis zum Erwachsenwerden, der Roman spielt etwa zwischen 1986 und 1992. Danie, Mark, Pitbull, Rico und die anderen erleben die Wende und das gesellschaftliche Vakuum, das durch das Ende der DDR entstanden ist. Sie geraten in Kreisläufe aus Alkohol und Drogen, Gewalt, Kriminalität und Gefängnisaufenthalten. Träume: ja, Perspektiven: keine. Ein wirkliches Wertesystem existiert nicht mehr, das einzige, das die Jungs stützt, ist die Freundschaft untereinander.

"Als wir träumten" ist ein Unterschicht-Roman. Doch genau mit diesem Begriff möchte Meyer nichts zu tun haben. "Es ging mir darum, Menschen zu zeichnen. Ihre Probleme, ihre Kämpfe, ihr Scheitern. Mit sozialen Phänomenen können sich Soziologen befassen. Ich hatte dieses Milieu vor der Haustür, da habe ich die Geschichten gefunden."

Wenn man sich die Biografie des großflächig tätowierten Schriftstellers ansieht, könnte man glauben, hier habe einer sein Leben erzählt, Knastaufenthalte eingeschlossen. Doch "Als wir träumten" ist kein Selbsterfahrungsbericht, sondern komponierte Schreibkunst auf höchstem Niveau. "Man muss die eigenen Erfahrungen zu Literatur und zu Kunst machen", sagt der Box- und Fußball-Fan Meyer. In einem Interview hat er geäußert, dass ein Kapitel wie "Jugendarrestanstalt Zeithain" nur bedingt recherchierbar sei. Auch den illegalen Techno-Klub "Eastside" hat es in Meyers Leben gegeben.

Breiten Raum in seinem Roman nimmt das Boxen ein. Gern wäre der mehr als 1,90 Meter große Meyer selber in den Ring gestiegen, doch eine angeborene Schwerhörigkeit auf einem Ohr ließ das nicht zu. Meyer macht deutlich, dass Boxen für ihn keine Allegorie ist, sondern dass ihn die Bewegungen faszinieren, der Kampf Mann gegen Mann. Einige Sportredaktionen sind auf den Schriftsteller und seine profunden Box-Kenntnisse aufmerksam geworden. Über den Comeback-Kampf von Axel Schulz ("hätte nicht gedacht, dass der so vermöbelt wird") hat er bereits geschrieben, bei Henry Maskes Comeback wird er am Ring sitzen. Neben den vielen Büchern beherbergt seine kleine Wohnung auch ein ansehnliches Video- und DVD-Archiv mit Boxkämpfen. "Den Kampf Maske gegen Rocchigiani habe ich mir bestimmt 50-mal angesehen", erzählt er, denn der bildet das Herzstück des Kapitels "Die großen Kämpfe".

Im Gespräch wirkt der Schriftsteller etwas dröge. Viele Antworten beginnen mit einem abwägenden "Na ja", doch wenn er übers Boxen spricht, gerät Clemens Meyer ins Schwärmen. Wie interessant es sei, die Dynamik im Ring zu beschreiben, die vielen Handlungsparallelen, das ganze Drumherum mit den Kiez-Leuten, der Schickeria und den Sportfans. Das sei ähnlich wie auf der Rennbahn. "Da gehe ich auch ab und zu mal hin, um ein bisschen Geld in Umlauf zu bringen."

Boxen wird auch in seinem nächsten Buch eine Rolle spielen, einem Band mit Erzählungen. Zwei dieser Short Storys werden das Box-Milieu zum Thema haben. Bis dahin wird er schon wieder Dutzende von Kämpfen im Internet oder auf DVD gesehen haben, den Kampf von Maske gegen Virgil Hill inklusive. Aber Maske nennt er nur "den Pragmatiker". Und deshalb hängt auch kein Bild von Sir Henry über Meyers Schreibtisch. Diese Plätze sind für Straßenkämpfer reserviert.

Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alles über Ihre Straße

Top Video Alle Videos

Hebamme Rosa ist unheilbar an Krebs erkrankt, kann aber damit besser umgehen als ihr Mann. Auf der Krankenstation läuft ihr Motte über den Weg. Diese hat sich von ihrem Freund schwängern lassen.mehr »

Top Bildergalerien mehr
Hamburg

Doku über Udo Jürgens in Hamburg vorgestellt

HSV

Holtby beim ersten Mannschaftstraining

Prominente Tote

Diese Persönlichkeiten sind 2014 gestorben

Sportveranstaltung

Hamburgs Olympiastätten

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr