Leo Brawand: Ein Mann der ersten Stunde über die "Spiegel"-Affäre und den Wandel in den letzten Jahren
"In Augsteins Schuhe wird keiner hineinwachsen"
ABENDBLATT: Als letzter heute noch lebender Gründungsredakteur des "Spiegels" sind Sie Zeitzeuge und inoffizieller Chronist des Magazins. Sie haben in den letzten 30 Jahren drei Bücher darüber geschrieben. Gerade erschien "Der Spiegel - ein Besatzungskind". Was, außer Äußerlichkeiten, unterscheidet den "Spiegel" vom Oktober 1946 von dem des Jahres 2007?
LEO BRAWAND: In der Darbietung seiner Geschichten hat sich mächtig was verändert. Das wohl Einschneidendste ist die mittlerweile namentliche Kennzeichnung der Beiträge. Wir hatten in der Tradition der anonym berichtenden angelsächsischen Nachrichtenmagazine mit Bedacht darauf verzichtet. Allerdings hätte ich nichts dagegen gehabt, meine rund 100 Titelgeschichten auch zu unterschreiben. Inhaltlich sieht sich der "Spiegel" einer ungleich größeren Konkurrenz gegenüber. Wie man ja auch an der Seite 3 des Abendblattes und in den politischen Magazinen des Fernsehens sieht, gibt es das damalige Monopol des investigativen, des hintergründigen Journalismus nicht mehr.
ABENDBLATT: Und was ist mit der politischen Rolle des "Spiegels"?
BRAWAND: Er hat an Durchschlagskraft eingebüßt. Seit Rudolf Augstein tot ist, fehlt auch die Galionsfigur, die dem Blatt seinen Zusammenhalt garantierte. In seine Schuhe wird keiner hineinwachsen . Es gibt dort ja auch keine politischen Kommentare mehr wie die von Augstein, der sich gegen die übertriebene Westöffnung Adenauers wandte oder wie Axel Springer für die Wiedervereinigung Deutschlands einsetzte. Wenn Augstein schrieb, die Türkei sei uns fern, horchte auf, wer die EU-Erweiterung betrieb. So was sagt heute keiner mehr, allenfalls noch Helmut Schmidt.
ABENDBLATT: Vor 44 Jahren hat der Staat mit der Besetzung des "Spiegels" und der Festnahme leitender Redakteure wegen des Verdachts von Landesverrat auf den kritischen Journalismus des Blattes reagiert. Der "Spiegel" hatte aus allgemein zugänglichen Quellen einen Artikel über das Nato-Manöver "Fallex 62" und atomare Planungen der Bundeswehr veröffentlicht. Was hatte das für Auswirkungen? Auf das Blatt? Auf unser Land?
BRAWAND: Ich hatte die Besetzung ja im Wandschrank erlebt, Augstein warnen können und war nicht festgenommen worden. Augstein übergab mir in diesen Wochen die Führung des Blattes. Wir, Augstein und der "Spiegel", haben damals eine ungeheure Welle der Solidarität aus der Öffentlichkeit und in den Medien erfahren - auch von den Zeitungen des Axel-Springer-Verlags. Die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos. Der die Affäre auslösende Verteidigungsminster Franz Josef Strauß wurde abberufen. In der Folge wurden einige Gesetze geändert, und das Ende der Adenauer-Politik war eingeleitet. Ich denke, dass die Republik damals eine wichtige Lektion gelernt hat und glaube nicht, dass noch jemals eine deutsche Regierung so etwas wagen würde. Dem Strauß müsste man dafür allerdings nicht noch einen Orden verleihen.
ABENDBLATT: Andererseits wurden im vergangenen Jahr wieder Redaktionsräume wegen Verdachts auf Geheimnisverrat durchsucht, die des Monatsmagazins "Cicero". Nach Ermittlungen von Reporter ohne Grenzen steht Deutschland im internationalen Ranking der Pressefreiheit auf Platz 23.
BRAWAND: Es gibt immer Rückfälle. Allerdings war die Pressefreiheit noch nie so groß wie heute. Was mir Sorgen macht, ist die zunehmende Schere im Kopf der Redakteure wegen wirtschaftlicher Abhängigkeit von Anzeigenkunden. Das ist nur zu überwinden durch qualitativ hochwertigen Journalismus, an dem niemand vorbei kann. Dem "Spiegel" hat zu seiner Gründungszeit die durch die Briten garantierte Unabhängigkeit geholfen, die er bis heute in den Genen trägt.
ABENDBLATT: Was wünschen Sie dem Blatt, was wünschen Sie der Republik zum 60. des "Spiegels"?
BRAWAND: 1962 machte ich in einer TV-Sendung mit Karlheinz Hollmann meine Klappe weit auf. "Auch nach der Besetzung und der Verhaftung von Augstein und meinen Kollegen wird der ,Spiegel' weiter schreiben wie bisher", sagte ich, das seien wir Augstein, den Medien und der Öffentlichkeit schuldig. Und wenn das jetzt so weitergeht, werden die jüngeren Kollegen beim "Spiegel" auch noch dessen 100. Geburtstag feiern können.



Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




