Serien-Held: Heute startet die Fünfte "24"-Staffel bei RTL 2
Sein Name: Bauer. Jack Bauer
Härter als 007 und noch zynischer als Realpolitik: Der böse Kampf gegen das noch Bösere geht heute in der Kult-Serie "24" in die nächste Runde.
Hamburg. Im Leben von Jack Bauer gibt es nur eine Regel: Es wird immer noch schlimmer. Verdammt viel schlimmer. Mit Entführungen, Attentaten, Heroinsucht und Verwitwung, Epidemien, muslimischen und sonstigen Extremisten, Raketenangriffen, sogar mit einer Atombombe in Kalifornien musste er als gehetzter Geheim-Held schon klarkommen. Offiziell ist der Agent der "Counter Terrorist Unit" in Los Angeles zwar tot, im Einsatz gefallen. Doch selbst der Tod ist für ihn nur eine relative Größe. Denn Bauer ist ein freies Radikal. Seine Vergangenheit: futsch. Seine Zukunft: ungewiss. Was ihn im Innersten gerade noch zusammenhält, ist blanke Angst.
Das Gesetz der Serie, normalerweise die tickendste Zeitbombe aller TV-Hits, wird in diesem faszinierenden Fall virtuos außer Kraft gesetzt. Bauer, der hochtourige Motor von "24", wird immer skrupelloser, immer unmoralischer. Nicht immer wahrscheinlicher, aber immer wahrhaftiger. Genau deswegen bleibt er, obwohl Anti-Held, so heldenhaft. Für Kiefer "The Kief" Sutherland, zu Beginn seiner Karriere vor allem hamsterbäckiger B-Schauspieler und Fast-Gatte von Julia Roberts, ist Jack Bauer die Rolle seines Lebens. Mit jeder neuen Staffel verhärten sich die Gesichtszüge weiter, der Körper bewegt sich immer mehr wie auf Autopilot. Gefühlt wird hier erst später. Handeln ist wichtiger.
Auch in der fünften "24"-Staffel hat sich das Konzept - 24 Portionen, die je eine Stunde lang in Echtzeit von Handlungsebene zu Handlungsebene springen - nicht abgenutzt. Was wie ein feuchter Traum aller Weltverschwörungs-Fantasten mit einem Anschlagsplan auf den Präsidentschaftskandidaten begann, ist durch den 11. September und die Gewöhnung an dessen ideologische und reale Konsequenzen zu einem Spiegelbild amerikanischer Albträume geworden. In der aktuellen Staffel mischen Mitarbeiter der "Homeland Security" mit, jener Regierungsbehörde, die nur das Beste für "God's own country" im Sinn haben soll - und wirken dabei auch ohne knarzende Ledermäntel in etwa so sympathisch wie ein Haufen Gestapo-Streber. Skrupel sind hier höchstens ein Laster, das sich nur weltfremde Liberale leisten. Was Wunder, wenn US-Machthaber nicht nur über ausländische Leichen gehen, während das Deckmäntelchen der Demokratie-Verteidigung nur noch aus Einschusslöchern besteht. Auch Bauer selbst hat seine Unschuld längst verloren. Der Zweck heiligt ihm auch die Folter, egal ob von Freund oder Feind, zumindest bis zum nächsten Dilemma.
Bauers 24-Stunden-Odyssee hat, aller State-of-the-art-Kommunikationstechnik zum Trotz, immer etwas Archaisches und deswegen wirklich Tragisches. Obwohl es für die erschreckend unfiktiv wirkende Antiterroreinheit CTU offenbar nichts gibt, was nicht mit ein paar flott umgelenkten Satelliten, unerschöpflichen Datenbanken und dem Griff zu Handy oder PDA herauszubekommen wäre, kapitulieren die vermeintlichen Guten im Dämmerlicht ihres Agentenbunkers immer wieder vor der akuten Willkür des Faktischen. Das wahnwitzige Tempo des Dramas jagt manchmal die Logik, vor allem aber ständig die Moral vor sich her. Von jetzt auf gleich kann der Verbündete sich als Gegner entpuppen. Oder umgekehrt. Oder doch nicht. Selbst die zynischste Realpolitik wirkt dagegen wie ein Streichelzoo.
Bei der letzten Emmy-Verleihung war "24" zwölfmal nominiert, am Ende hatte man fünf gewonnen, darunter den Preis für die beste Serie, den besten Hauptdarsteller und die beste Regie. Die TV-Oscars gehen voll in Ordnung, erst recht, weil sie eine TV-Serie würdigen, die mit den traditionellen TV-Sehgewohnheiten nichts mehr zu tun hat. "24" ist längst kein Fernsehen mehr, wie man es seit Jahrzehnten kennt. Es tut nur hin und wieder noch so, indem es die Werbepausen als Taktgeber des eigenen Erzählrhythmus nutzt. Auch US-Erfolgsserien wie das wunderbar kryptische Tropeninsel-Mysterium "Lost" oder der Knacki-Krimi "Prison Break" verabschiedeten sich mit komplex verwobenen Handlungssträngen von gängigen Strickmustern. Ihr Aggregatszustand ist die von Sendeterminen unabhängige DVD, der Fernseher ist nur noch Appetitmacher und Bilderlieferant.
In Kürze läuft in den USA die sechste Staffel an, früher als sonst, weil wohl eine "24"-Kinoversion geplant ist. Offenbar hat Bauer aber auch Fans unter den Autoren des neuen "007"-Films. Die Idee, den britischen Kollegen in "Casino Royale" ein Botschaftsgebäude formschön zu Klump schießen und dem drohenden Tod eigenhändig von der Schippe springen zu lassen, kommt "24"-Süchtigen schon sehr bekannt vor.
Der Humor solcher Hommagen funktioniert allerdings auch in Gegenrichtung. Dass James Bond und Jack Bauer die gleichen Initialen haben, kann kein Zufall sein. Doch Bauer hat bei seinem Drecksjob nun wirklich keine Zeit für Martinis, weder geschüttelt noch gerührt.




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