LEIDENSCHAFT: WIE SICH EINE HAMBURGER BAND AUF IHREN AUFTRITT VORBEREITET
"Zuhause" in der Astra-Stube - erst Arbeit, dann Pop
Sie spielen manchmal vor nur 20 Zuhörern. Sie sind ihre eigenen Roadies, Techniker, Kassierer. Vor allem aber sind sie begeisterte Musiker.
Hamburg. Los, Instrumenten-Tetris!", sagt Lars Poeck (32). Und so, wie im Computerspiel Klötze ohne Platzverschwendung zu stapeln sind, packt er mit seinen Bandkollegen Gitarren, Boxen, Ständer und Schlagzeugteile passgenau in den Kofferraum seines Kombis. Für ein Konzert in der Astra-Stube. Die vier sind gerade wieder mal viel mehr als bloß Musiker. Sie sind Roadie, Fahrer, Techniker, Kassenpersonal. Denn bevor sie mit ihrem Pop ein Stündchen Euphorie und Wehmut zaubern können, liegt stundenlange Arbeit an, die eines auf keinen Fall ist: glamourös.
Die 2002 gegründete Formation nennt sich "Zuhause". Und ein solches hat sie im alten Bunker am Borstelmannsweg gefunden. Ein Ambiente, das sich kein Filmset-Designer besser ausdenken könnte. Eine Treppe hinab geht's durch niedrige, verwinkelte, mit Graffiti beschmierte Betongänge.
40 Quadratmeter voller Instrumente
Den Proberaum teilen sich die Hamburger mit zwei anderen Bands. "Und durch die Wand hören wir die, die nebenan üben, so Jazzer", sagt Bassistin Barbara Conrad (31). Optimal schalldicht ist das also nicht. Es ist schäbig und klein. Und doch ist es schön und groß. Denn an Orten wie diesem entsteht sie jeden Tag aufs Neue, die Musik dieser Stadt. 40 Quadratmeter voller Instrumente. Zwei alte Sofas in der Ecke. So wie der Titel des "Zuhause"-Albums besagt: "Dinge an ihrem Platz". Ein Zustand, der jedoch immer wieder aufgehoben wird. Wie an diesem Dezemberabend.
Als der Kombi um kurz vor sechs von Hamm Richtung Schanze rollt, nieselt Regen in die Dunkelheit. Lars lenkt den Wagen auf den Bürgersteig vor der Astra-Stube. Die Leuchtreklame sendet heimeliges Rot unter die Sternbrücke, auf dem Pflaster klebt Taubenkot, die S-Bahn rattert über den Köpfen. Die Jungs der Vorband "Sternbuschweg" warten schon, helfen beim Entladen. Dann ist der Bulli der Berliner dran. Eine ruhige Karawane, die Verstärker, Secondhand-Koffer, Instrumente und Mischpulte transportiert, bis die Kaschemme komplett zugestellt ist. Als habe jemand einen Tetris-Stapel mit beherztem Fußtritt umgekickt. Ein Gerätehaufen, der auftrittstauglich zusammengesteckt werden will. Die Handgriffe sitzen. Als Erstes steht das Schlagzeug auf dem abgewetzten Teppich der Bühne. Die damit fast voll ist.
"Riecht lecker nach Gurke", sagt Barbara mit Blick auf den Tresen. Schnittchen und Obst, Bionade, Lebkuchenherzen und Astra hat der Veranstalter als Verpflegung bereitgestellt. Barbara gönnt sich eine Bier-Knolle. "Wird das hier noch mal warm?", fragt sie und kriecht tiefer in ihren grünen Parka überm schwarzen Minikleid. "Sonst hab ich immer so Heizpads für die Finger dabei", erzählt die junge Frau mit dem blonden Fransenhaar. Gitarrist Ronald Strehl (38) wärmt sich die Hände an einem Kaffee, Drummer Daniel Kubsch (35) mampft eine Banane. Der Aufbau, ein Mix aus Rumsitzen und Aktion.
Die Einnahme reicht für den Sprit
Lars, in Trainingsjacke, mit dickem Schal um den Hals, kriecht über den Steinboden und verkabelt Effektgeräte für seine Gitarre. "Hoffentlich gibt's nicht wieder 'n Wackelkontakt wie in Hannover", sagt er. 40 Euro haben sie beim letzten Auftritt verdient. "Reicht gerade mal fürs Spritgeld." Mit der Astra-Stube haben sie einen 30-70-Deal: 70 Prozent der Einnahmen bleiben "Zuhause". Und der Vorband. "Aber sonntags aufzutreten ist immer schwierig. Die Leute sind k.o. vom Wochenende." Außerdem ist Lars skeptisch, wie viele um zehn Uhr abends noch vor die Tür gehen, raus ins Schmuddelwetter. Nein, leben könnten sie nicht von der Musik. Barbara studiert, Ronald arbeitet als Journalist, Lars und Daniel verdienen Geld als Mediaberater.
Plus/minus null - das haut hin
Plötzlich schickt der Mischer lauten Reggae durch die Boxen. Alle zucken zusammen, lachen. Rausgerissen aus dem Schrauben und Stöpseln. Zeit für den Soundcheck. Daniel trommelt als Trockenübung auf seinen Beinen, bis der Mischer fordert: "Kick, bitte!" Das Fell des Schlagzeugs vibriert. Alle lauschen diesem Herzschlag, der die Bühne endlich zum Leben erweckt. "Oh toll, heute geht's schon mit Wackelkontakten los", stellt Daniel fest, während er ins Mikro spricht. Die Lautstärke schwankt enorm. "Erika, hallo Erika. Eins, zwei, drei..." Ronald wählt Nonsens und Zählen, um sein Mikro zu testen, bis ihn fieses Fiepen übertönt. Alle halten sich die Ohren zu.
Um Viertel vor acht, als die Barfrau gerade ausladende Astra-Kisten hinter die Theke wuchtet, spielen alle zum ersten Mal an diesem Abend endlich zusammen. Lässig schnellen die Akkorde dahin. "Plus/minus null" heißt der Song. Eine Rechnung, die finanziell hinhauen mag. Doch der Gewinn an Leidenschaft ist weitaus größer. Trotz der ewigen Organisiererei, trotz des Auf- und Abbauens.
"Das gehört dazu. Nervig wird's nur, wenn die Zeit knapp ist oder wir uns mit dem Mischer streiten müssen", erzählt Ronald auf dem Weg ins Kulturhaus 73, wo die Band essen soll.
In dem Gebäude am Schulterblatt hockt sich das Quartett in ein mit Planen abgehängtes Treppenhaus. Vollgestellt mit Stühlen. Zwischen Cafebetrieb und Kickerturnier. Auf einer Kochplatte dampft Nudelwasser. Barbara findet's okay. "Wir hatten auch schon mal ein Behindertenklo als Backstageraum", erinnert sie sich. Doch das hatten sie wenigstens für sich allein.
Um Viertel vor elf geht's los
"We have to change here now" (Wir müssen uns hier umziehen), sagt eine junge Frau, die mit einigen Jungs hereinschneit. Ihre Band hat in 20 Minuten einen Auftritt im Keller des Kulturhauses. "Zuhause" räumt das Provisorium. Während Ronald weiter auf die Nudeln wartet, ziehen Barbara und Daniel ins "Bok"- Restaurant gegenüber. Lars ist wieder zur Astra-Stube gegangen. Kasse machen. Zurück in die schöne, schäbige, eben erst eingerichtete Welt.
Von der Straße aus betrachtet scheinen die ersten Gäste wie Scherenschnitte im Schaufenster des Ladens zu kleben. Für fünf Euro bekommen sie einen Stempel auf die Hand. Und eine Gitarrenladung Gefühl, die den Alltag überhöht.
Fernsehen mag das Lagerfeuer der Couch-Potatoes sein, die unzähligen Konzerte in Hamburg sind für viele Musikfans das schönste Flimmern und Knistern. "Stern-buschweg" singt von der "Ästhetik des Wartens". Barbara bestellt sich noch ein Astra. "Es ist so leer. Schade, dass woanders mehr kommen als in der Heimat", sagt sie. Doch als die vier gegen Viertel vsor elf vor 20 zahlenden Gästen und einigen Freunden loslegen, legt sich die Enttäuschung. Daniel tackert konzentriert am Schlagzeug. Füße werden warm beim rhythmischen Wippen. Barbara steht breitbeinig in dicken Stiefeln da und zupft den Bass auf ihrem Bauch. Lars hängt sich ins Mikro rein. Und Ronald erzählt in der Pause von der beruhigenden Wirkung der vorbeifahrenden Busse.
Nach Mitternacht, nach dem Applaus, stoßen sie an, rauchen, rollen Kabel zusammen. Das letzte Wort: "Instrumenten-Tetris!"



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