"Er hat in mir seine Mutter gesehen"
TV-Projekt: Veronica Ferres über "Neger, Neger, Schornsteinfeger". Eine wahre Geschichte aus dem Hamburg der Nazi-Zeit als ZDF-Zweiteiler, produziert von dem Hamburger Markus Trebitsch.
Hamburg. "Neger, Neger, Schornsteinfeger", das ist die wahre Geschichte des Hans-Jürgen Massaquoi. Sein Vater ist ein Afrikaner, der Ort seiner Kindheit Hamburg-Barmbek in den Jahren 1932 bis 1945. Die Erinnerungen an diese Zeit des Nazi-Rassismus hat Massaquoi, der lange Zeit in den USA Chefredakteur des Magazins "Ebony" war, aufgeschrieben. Die Autobiografie war ein großer Erfolg, im Abendblatt wurde "Neger, Neger, Schornsteinfeger" 1999 mit großer Resonanz als Fortsetzungsroman veröffentlicht. Etwa zur selben Zeit hat der Hamburger Produzent Markus Trebitsch von Massaquoi die Rechte erworben, um die ungewöhnliche Geschichte ins Fernsehen zu bringen. Heute wird der Zweiteiler, den das ZDF am Sonntag und Montag jeweils um 20.15 Uhr ausstrahlt, in Hamburg vor geladenen Gästen gezeigt, auch Hans-Jürgen Massaquoi wird dabei sein. In dem Fernsehfilm spielt Veronica Ferres die Mutter des Jungen, Bertha Baetz.
ABENDBLATT: Frau Ferres, in "Neger, Neger, Schornsteinfeger" geht es um die unglaubliche und wahre Geschichte von Hans-Jürgen Massaquoi, der als farbiger deutscher Junge während der Nazizeit in Hamburg aufwuchs. Sie haben Herrn Massaquoi vor den Dreharbeiten getroffen. Welchen Eindruck hatten Sie von ihm?
VERONICA FERRES: Die Geschichte von Hans-Jürgen Massaquoi ist in der Tat unglaublich. Man muss sich das einmal vorstellen: Da entkommt ein junger Farbiger im Dritten Reich an der Hand seiner Mutter den Gaskammern Hitlers. Hans-Jürgen Massaquoi ist jetzt 80 Jahre alt, und er ist ein sehr feiner und gebildeter, ein sehr sensibler Mensch. Er ist natürlich auch ein sehr vorsichtiger Mensch, was aufgrund seiner damaligen Erlebnisse und Erfahrungen gut nachvollziehbar ist.
ABENDBLATT: Sie verkörpern im Film die Mutter des Jungen. Wie fand es der echte Hans-Jürgen Massaquoi, dass Sie die Rolle spielen?
FERRES: Ich glaube, dass er damit sehr einverstanden war, er hatte in dieser Frage ja auch ein Mitspracherecht. Ich werde nie vergessen, als wir uns die Hände reichten und er mir in die Augen schaute. Ich glaube, er hat in mir seine Mutter gesehen. Das war für uns beide ein sehr emotionaler Moment.
ABENDBLATT: Sie leiden als Hans-Jürgens Mutter Bertha im Film viel mehr unter den Diskriminierungen, denen er ausgesetzt ist, als er selber. . .
FERRES: Die Mutter leidet unter der ganzen Situation natürlich viel mehr als der kleine Hans-Jürgen mit seinem kindlichen Gemüt, weil sie sich über die politische Entwicklung und über die Gefahren, die auf den Jungen und sie zukommen, im Klaren ist. Sie liebt ihren Sohn schließlich über alles.
ABENDBLATT: Also dreht sich der Film nicht nur um Rassismus, sondern auch um Mutterliebe?
FERRES: Es ist ohne Frage auch eine Liebesgeschichte zwischen Mutter und Sohn, aber in erster Linie ist der Film ein Plädoyer für Toleranz und Menschlichkeit und gegen die Angst vor Fremden.
ABENDBLATT: Im Film gibt es neben den Nazis, die den Jungen unterdrücken und quälen, auch einige Figuren, die sich trotz der politischen Verhältnisse anständig verhalten.
FERRES: Das stimmt, die Szenen sind nicht nur durch Nazis bestimmt, sondern der Film zeigt eine ganze Reihe guter deutscher Bürger, Menschen mit Zivilcourage und Anstand - und das auf eine nicht klischeehafte Weise. Der Film hat insofern auch einen anderen Zugang zu der Zeit des Nationalsozialismus, als ihn viele andere Filme haben, auch wenn die menschenverachtende Brutalität der Nazis zu keinem Zeitpunkt verharmlost wird. Dazu kommt, dass der Film zuweilen einen heiteren Ton anschlägt, den es im Alltag in dieser traurigen Zeit auch gab.
ABENDBLATT: Ist das nicht eine Gratwanderung angesichts des ernsten Themas?
FERRES: Das glaube ich nicht. Man muss ernste oder zeitgeschichtliche Themen ja nicht immer nur düster erzählen. Der Film basiert auf der wahren Geschichte des Betroffenen, und in dieser gibt es viele ernste, aber eben auch heitere Momente.
ABENDBLATT: Hat Herr Massaquoi den Film gesehen?
FERRES: Oh ja, natürlich, und der Film hat ihm meines Wissens hervorragend gefallen.
ABENDBLATT: Glauben Sie, dass der Film etwas bewegen kann?
FERRES: Das glaube ich schon, eben weil wir auf den erhobenen Zeigefinger ganz verzichtet haben und der Film einen sehr mitreißt. Außerdem ist es ein Film für junge Leute, da es um das Schicksal eines jungen Menschen geht. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass man ihn Schülern zeigt, um im Unterricht eine Diskussion über Toleranz und Intoleranz in Gang zu setzen.




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