Migrations-Drama: Zu brisant für die beste Sendezeit? Die ARD verschiebt einen provokanten Film - und vergibt die Chance zur breiten Diskussion.

Hamburg. Früher habe er geglaubt, "die beim Film", die seien "verwöhnte Bengel", sagt Oktay Özdemir. "Außer Jackie Chan natürlich." Özdemir grinst das verschlagene Grinsen, das ihm schon in Detlev Bucks Film "Knallhart" die Rolle des fiesen Gang-Anführers Erol eingebracht hat und im letzten "Spiegel" die Überschrift "Türkischer Teufel". Jetzt weiß Oktay, "Filmemachen ist auch ein Hurenjob." Das klingt im ersten Moment nicht wie ein Kompliment. Ist aber anerkennend gemeint.

Denn Oktay Özdemir, der im ARD-Fernsehfilm "Wut" mit erschreckender Glaubwürdigkeit den gewalttätigen jungen Dealer Can verkörpert, weiß, wovon er spricht. Er ist inzwischen selbst beim Film gelandet. Und er ist einer, dem man "Authentizität" bescheinigt. Was daran liegen könnte, dass er nicht versucht, authentisch zu sein. Die Gesetzmäßigkeiten der Straße sind ihm tatsächlich vertraut. Vertrauter etwa als eine Schauspielschule: "Ich hab mir das angeguckt und gesagt: ,Ey, das kann ich doch schon!'" Oktay ist in Neukölln und Kreuzberg aufgewachsen, er spricht auch im Interview so, wie man sich Gangmitglieder im Milieu vorstellt. Bloß höflicher.

"Oktay, du bist Schauspieler von der bösen Seite. Das gefällt mir", sagt er zum Beispiel und hält die rechte Hand in Rapperpose, wenn man ihn fragt, ob er sich eigentlich wohlfühlt in der Schublade des aggressiven "türkischen Teufels". "Ich find das blöd, wenn man da hinterher immer diskutieren muss. Es nervt mich echt, dass man nicht einfach sagen kann: ,Guter Film!'"

Vielleicht, weil es nicht so einfach ist. Auch "Wut" wird wieder heftig diskutiert - und zwar nicht hinterher, sondern bereits im Vorfeld. Offenbar so scharf, dass die ARD ihren unerwartet radikalen Beitrag zur Integrationsdiskussion kurz vor dem für morgen geplanten Sendetermin aus der Primetime ins Spätprogramm am Freitag verbannt hat. Der genannte Grund: Jugendschutz. Dabei wäre "Wut" gerade unter Jugendlichen ein spannendes Diskussionsthema, beschreibt der Film doch - provokant zugespitzt - jenen Teil ihrer Realität, der aufreizend nach gescheiterter Multikulti-Gesellschaft schmeckt. Und möglicherweise ist das für die Senderverantwortlichen das eigentliche Problem.

Denn in "Wut" terrorisiert der perspektivlose Türke Can den Sohn einer gut situierten Berliner Professoren-Familie. Die wehrt sich so, wie man es vom toleranten Bildungsbürgertum erwartet: mit Verständnis, Diskussionsangebot, Polizei. Als nichts davon fruchtet, gelangt die Vernunft auf grausame Weise an ihre Grenzen - was mit gezockten Turnschuhen beginnt, eskaliert.

Das Drehbuch stammt vom Hamburger Autor Max Eipp. Der Regisseur aber ist der türkischstämmige Züli Aladag, aufgewachsen in Stuttgart, Regiestudium in Köln, dem das deutsche Akademikermilieu vertrauter ist als das türkische Arbeitermilieu und den es auch gereizt hat, zu schauen, mit welchen Befangenheiten man in dieser Gesellschaft über Toleranz diskutiert.

Der Gefallen wird ihm noch vor der Ausstrahlung getan: Der "Spiegel" erinnert empört an einen "öffentlich-rechtlichen Anspruch, gewissen Grundsätzen des Zusammenlebens verpflichtet zu sein" und scheint sich einen utopischen Blick auf die Gesellschaft zu wünschen, in der nicht sein kann, was nicht sein darf. "Fahrlässig" nennt der "Spiegel"-Autor den Film gar, der in der Tat keine Lösung anbietet, sondern mit dem Filmende zugleich den Höhepunkt der tragischen Ereignisse präsentiert. An dem der Zuschauer allerdings kaum umhinkann, sich zu positionieren und mit der eigenen Haltung auseinanderzusetzen - was eine tabufreie Diskussion über Migrationsprobleme und vorgetäuschte Liberalität mit sich bringen könnte.

Denn: "Es kann nicht nur um Botschaften gehen, es muss auch um Fragen gehen", findet der Schauspieler August Zirner, der den gedemütigten und schließlich an seiner eigenen Toleranz scheiternden Uni-Professor spielt.

Oktay Özdemir hat durchaus eine Botschaft, die er mit diesem Film vermitteln will - und sie mutet geradezu rührend an: "Die Politiker sollten den Film angucken", findet er. "Es steht in allen Religionsbüchern, dass wir uns mit offenem Herzen gegenüberstehen sollen. Und es ist mein Ziel, das den Menschen klarzumachen." Nun werden es wohl weniger Menschen sein als ursprünglich beabsichtigt.

Die Entscheidung, den umstrittenen Film ins Spätprogramm abzuschieben, hat WDR-Intendant Fritz Pleitgen scharf kritisiert: "Ich bin mehr als bekümmert, ich bin zornig." Der Film habe eine "engagierte, kontroverse, weiterführende Diskussion" auslösen sollen, für die eine breite Öffentlichkeit benötigt worden wäre. Den Sendetermin zu verschieben sei "natürlich eine vertane Chance". Wie auch immer man "Wut" inhaltlich bewertet - damit hat er zweifellos recht.

  • "Wut" Freitag, 22.00 Uhr, ARD