21.08.02

Ein Genie auf dem Irrweg

RIEFENSTAHL. Die Filmregisseurin, die die Ästhetik des Dritten Reiches prägte, wird morgen 100 Jahre alt.

Von Barbara Möller

Berlin. Sie hat lange gebraucht, um sich von ihrem einstigen Förderer und Bewunderer zu distanzieren. Und nur, weil sie mit einem so unglaublich langen Leben gesegnet ist, hat man es überhaupt noch aus ihrem Mund gehört. "Hitler", hat Leni Riefenstahl vor zwei Jahren gesagt, "ist an seinem furchtbaren Antisemitismus untergegangen. Er war wie ein ganz toller Apfel, der allerdings wegen seines Judenhasses von innen verfault war." Damals war sie 98 Jahre alt. Am 22. August feiert sie ihren 100. Geburtstag. Helene Bertha Amalie Riefenstahl. Klempnerstochter aus dem Berliner Wedding. Nach der Mittleren Reife Ausdruckstänzerin, dann Schauspielerin und Filmemacherin. Die Frau in der Trias, die die Ästhetik des Dritten Reiches prägte. Lang ist es her. Albert Speer, Hitlers Architekt, ist seit 20 Jahren tot; Hitlers "Phidias", der Bildhauer Arno Breker, auch - nur Leni lebt. Zurückgezogen im bayerischen Pöcking. Unverwüstlich. Ungebeugt. Als Leni Riefenstahl 1987 ihre Memoiren vorlegte, stellte sie ihnen zwei Sätze von Albert Einstein voran: "Über mich sind schon massenweise so unverschämte Lügen und freie Erfindungen erschienen, dass ich längst unterm Boden wäre, wenn ich mich darum kümmern sollte. Man muss sich damit trösten, dass die Zeit ein Sieb hat, durch welches die meisten Nichtigkeiten ins Meer der Vergessenheit ablaufen." Das war und ist ihr Credo. Von Schuld kein Wort, von Sühne erst recht nicht. Und trotzdem. Als das New Yorker Magazin "Time" die 100 wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts auflistete, war der Name Riefenstahl dabei. "Star Wars"-Regisseur George Lucas hat sie sogar "die modernste Filmemacherin überhaupt genannt". Dabei hat sie nur sechs Filme gedreht. Den letzten 1943/44. Genau gesagt den vorletzten, denn nun soll der wohl wirklich letzte - "Korallen-Impressionen unter Wasser" - in die Kinos kommen. Diesen Paukenschlag hat sie sich für den 100. aufgehoben. Vor vier Wochen erschien im Berliner Aufbau-Verlag Jürgen Trimborns vorzügliche Biografie "Riefenstahl. Eine deutsche Karriere". Ein Buch, zu dem die einstige "Reichsgletscherspalte", die ihre Karriere als Schauspielerin in Bergfilmen wie "Die weiße Hölle vom Piz Palü" oder "Stürme über dem Montblanc" begann, freiwillig nichts beigetragen hat. Ihr Privatarchiv blieb Trimborn unter dem Hinweis verschlossen, "die volle Wahrheit" finde sich ja in ihren Memoiren. Zur historischen Wahrheit gehört, dass Leni Riefenstahl in mehreren Fällen jüdischen oder "jüdisch versippten" Kollegen geholfen hat, indem sie direkt bei Hitler oder Goebbels intervenierte. Doch von den Gräueltaten des nationalsozialistischen Regimes will Leni Riefenstahl nichts gewusst haben. Was nicht stimmt, wie Trimborn beweist. Anfang September 1939 war Leni Riefenstahl mit einem "Sonderfilmtrupp" in Polen, um den "Führer an der Front" abzulichten. Am 12. September war sie in Konskie Augenzeugin eines der ersten Wehrmachtsverbrechen geworden. An jenem Tag trieb man die jüdische Bevölkerung auf dem Marktplatz zusammen. Leni Riefenstahl sah die Erschießungen, ein deutscher Landser hielt ihr Entsetzen auf einem Foto fest und beschriftete den Abzug später mit dem Satz: "Leni Riefenstahl fällt beim Anblick der toten Juden in Ohnmacht." Riefenstahl, trotz des schockierenden Erlebnisses offenbar fest entschlossen, ihren Pakt mit Hitler fortzusetzen, hat später behauptet, Schüsse nur "in der Ferne" gehört zu haben. "Weder ich noch meine Mitarbeiter haben etwas gesehen!" An dieser Version hat sie eisern festgehalten. Eine andere umstrittene Aussage musste Riefenstahl dagegen zurücknehmen. In einem Interview hatte sie im April gesagt, sie hätte die "Zigeuner", die zwischen 1940 und 1942 als Komparsen in ihrem Film "Tiefland" eingesetzt wurden, nach Kriegsende alle wiedergesehen, keinem sei etwas passiert. Nach einer Klage gegen diese Behauptung gab Riefenstahl eine Unterlassungserklärung ab. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich hat Leni Riefenstahl 1994 eine "Superverleugnerin" genannt. Nach dem Motto: "Vieles brach zusammen, nur Leni Riefenstahl nicht." Das stimmte zweifellos. Das Problem war nur: Anders als die hohle Gigantomanie Speers oder der völkische Kitsch Brekers wirkte die Ästhetik der "begabtesten Propagandistin des Herrenmenschentums" (Mitscherlich) nach. Im Film, in der Werbung. In Deutschland hat es lange als Tabubruch gegolten, sich mit der "ewigen Faschistin" (Susan Sontag) zu beschäftigen. Auch noch zu einer Zeit, als Leute wie Andy Warhol und Mick Jagger, Francis Ford Coppola oder Helmut Newton aus ihrer Bewunderung für das "Film-Genie" (Riefenstahl-Biograf Charles Ford) kein Hehl mehr machten. Für Riefenstahl ließ das nur einen Schluss zu: "Ich stoße in Amerika nicht auf diese Vorurteile wie in Deutschland!" In Nachkriegs-Deutschland hat sich Leni Riefenstahl bis weit in die 80er-Jahre hinein von Feinden umstellt gefühlt. Diese Zeit der Feindseligkeiten scheint heute vorbei. "Während ihr früher kaum jemand ihre Beteuerungen abnahm", schreibt Trimborn in seinem Schlusswort, "kommt ihr nun zu Hilfe, dass kritische Fragen an ihr Leben und ihre Karriere zusehends ausbleiben - ob aus Resignation vor ihrer mangelnden Fähigkeit zur Einsicht oder schlicht und einfach aus Respekt vor ihrem ungewöhnlichen Alter und ihrer ungebrochenen Vitalität." Jürgen Trimborn, "Riefenstahl. Eine deutsche Karriere", Aufbau-Verlag Berlin, 600 Seiten, 55 Abb., 25 Euro. Erst mit 98 Jahren hat sie sich von ihrem Förderer Hitler distanziert: "Er ist wegen seines furchtbaren Antisemitismus untergegangen."

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