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Kultur & Live

Salzburger Festspiele: Mehr Leid für gutwillige Zuschauer geht kaum

Salzburg. Es gibt sie noch, die Steigerung von Schmerz und Qual im Theater. Wenn zu mittelmäßigem Schauspiel, zu knalldummen Regieeinfällen, vermülltem Bühnenplunder, dem Fehlen jeglicher Charaktere oder Aussage und einer zusammenhanglosen Aneinanderreihung wirrer Szenen, die mit dem Stück nur entfernt zu tun haben, die Hitze im Zuschauerraum, gefühlte 60 Grad, kommt. Mehr Leid für gutwillige Zuschauer geht kaum.

Für die Hitze konnte das Team vom Deutschen Schauspielhaus nichts, das Grabbes "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" für die Salzburger Festspiele und den Wettbewerb Young Directors Project auf die Bühne des republic, eines ehemaligen Kinos, brachte. Obwohl sie gut zum Stück paßte, das davon erzählt, wie der Teufel am heißesten Tag des Jahres auf die Erde kommt und in Liebesdingen für Verwirrung sorgt.

Für die Inszenierung, für das belanglose und sinnfreie Herumwuseln, die quälend langen, beliebigen Szenen, die mit Videos, Musik von Dean Martin bis Schuhplattler aufgeblasen wurden, ist jedoch Regisseur Roger Vontobel verantwortlich. Warum er das Stück inszeniert hat, warum die erste Szene zweimal, viele andere aber überhaupt nicht gespielt werden, warum manchmal im Chor gesungen wird, Biographisches aus Grabbes Leben oder eine Kritik zu seinem Werk vorgelesen wird, warum auf einer Treppe geduscht oder "Vivat Bacchus" gebrüllt wird, man erfährt es während des gut zweistündigen Abends überhaupt nie.

Vontobel läßt seine Schauspieler Ideen exekutieren, in die er sich offenbar auf den Proben verliebt hat. Das Ergebnis ist Laientheater in seiner puren Form. Ganze Reihen von Zuschauern verließen vorzeitig das Theater. Schon lange habe ich Menschen nicht mehr so beneidet. Das Stück kann herrlicher Klamauk sein, eine Verwechslungskomödie oder auch eine Soap-Opera. So wie es uns der junge Vontobel erzählt, von dem im Malersaal eine gelungene "Spieltrieb"-Inszenierung zu sehen ist, versteht man aber weder die Gesellschaftssatire noch die Liebesverflechtungen.

Schon nach wenigen Minuten weiß man, daß es ein quälender Abend werden wird. Wenn zu Beginn die Schauspieler im Halbdunkel wie in einem Zeltlager aus ihren Behausungen kriechen, sich die Zähne putzen, Kaffee holen und sich "Morgen!" zurufen, ahnt man, daß hier Regieeinfälle der abgedrehtesten Sorte unfröhlich ihr Unwesen treiben werden. Wo Grabbe bleibt, der in seinem Lustspiel ein Bestiarium der Zeit präsentiert, der Schulmeister, Schriftsteller, Spießermoral, Wissenschaft und die bessere Gesellschaft aufs Korn nimmt, darauf wartet man vergebens.

Monique Schwitter spielt Liddy, eine intelligente, gefühlvolle Frau, die hier wohl als Zeichen ihrer Emanzipation kaum mehr darf als den Abend hindurch zu rauchen. Hofdichter Rattengift (Glenn Goltz) sucht im Computer, was sich auf Tisch und Fisch reimt, und läuft dann mit einem Lampenschirm überm Kopf vor einen Spiegel, weil er sich genialisch fühlt. Während Mollfels (Daniel Wahl) Liddy seine Liebe gesteht, duscht sie im flotten Dreier oben auf einer Treppe, und einer singt mit fürchterlichem Akzent "Love is in the air". Klaus Rodewald gibt einen deftigen Schulmeister, der auch singt, tanzt und seinem Schüler auf den Kopf tritt. Jana Schulz spielt den Teufel, der höllisch farblos bleibt. Heine hat den Alkoholiker Grabbe genial als "besoffenen Shakespeare" bezeichnet. Am 15. Oktober kommt Vontobels Inszenierung ans Schauspielhaus. Na dann Prost!

 

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