Sie sind immer noch das Nonplusultra
Rolling Stones: Großartiges Konzert in Hannover. Am Mittwoch abend haben die Rolling Stones wieder mal gezeigt, daß sie die schwärzeste aller weißen Bands sind.
Hamburg. Lieber Mick Jagger, liebe Rolling Stones! Ich möchte mich entschuldigen. Dafür, daß ich ohne große Lust zum Konzert nach Hannover gefahren bin - wofür ich eine Reihe mitleidig-verständnisvoller Blicke von Freunden und Kollegen geerntet habe. Dafür, daß ich gedacht habe, die Stones sind nur noch ein Haufen alter Säcke, die es nicht mehr bringen. Und dafür, daß ich die Bezeichnung "the greatest rock 'n' roll band on earth" als lächerlich und übertrieben abgetan habe. Ihr habt mir das Gegenteil bewiesen. Ich hätte nicht gedacht, daß ich in meiner Kritik wirklich diesen Satz schreiben würde: Die Rolling Stones sind immer noch das Nonplusultra im Rock-Entertainment.
"A Bigger Bang" heißt die aktuelle Welttournee, und mit einer Explosion und zwei Feuerfontänen aus dem an das New Yorker Guggenheim-Museum erinnernden stählernen Bühnenkonstrukt beginnt eine 135 Minuten lange furiose Show. Nicht "Start Me Up", das die deutschen Fans so sehr lieben, sondern "Jumpin' Jack Flash" ist der Eröffnungssong. Jagger, mit schwarzen, engen Hosen und einem pinkfarbenen Jäckchen bekleidet, steppt über die Bühne, wie er das schon vor 35 Jahren getan hat. Ein Ausbund an Energie, der dem Alter den langen Finger oder besser: die ausgestreckte Zunge zeigt. Er wackelt mit dem kleinen Hintern, er stellt sich auf die Spitzen seiner Turnschuhe, er verrenkt sich wie eine Puppe. Die Bühne ist sein Reich, hier ist er uneingeschränkter König.
Viele seiner Fans sind lange nicht in solch guter Verfassung. Da spannt so manches Zungen-Logo über schweren Bäuchen, die Haare sind dünn oder grau geworden, manchmal beides. Und vorne tanzt der 62 Jahre alte Großvater Jagger, als würden für ihn die Gesetze von Alterung und Verfall nicht gelten, als habe er ewige Jugend gepachtet.
Videoleinwände übertragen jedes Detail bis in die oberen Ränge der nicht ausverkauften AWD-Arena. Den stoisch trommelnden Charlie Watts und die immer tiefer werdenden Furchen im Gesicht von Keith Richards. Ron Wood, immerhin vier Jahre jünger als Richards, sieht trotz akuten Alkoholentzugs beinahe genauso gesichtsalt aus wie Richards. Doch Richards hat seine Kopf-Operation offensichtlich ohne weiteren Schaden überstanden. Er wirkt erstaunlich vital und konzentriert. Bereits beim zweiten Song "I Know It's Only Rock 'n' Roll" spielt er das erste starke Solo.
Das Programm besteht aus Songs der 44 Jahre langen Bandgeschichte. Von der zerbrechlichen Ballade "As Tears Go By", die Jagger für seine damalige Freundin Marianne Faithfull geschrieben hat, über Klassiker wie "Brown Sugar" und "Miss You" bis zum aktuellen "Streets Of Love", einem von zwei Hängern im Programm. Der andere folgt - wie immer -, als Keith Richards ans Mikro darf. Diese Zeit kann man getrost zum Bierholen nutzen, denn singen kann der Leadgitarrist partout nicht.
Aber auch zwei besondere Höhepunkte hat dieser Abend, die den Unterschied der Rolling Stones zu Aberdutzenden von anderen Bands ausmachen: Der erste ist eine etwa zwölfminütige Version von "Midnight Rambler" vom "Let It Bleed"-Album. Schwärzester Blues mit einer dramatischen Spannung, die sich erst am Ende entlädt, wenn das Tempo immer schneller wird und Jagger das Publikum anfeuert mitzusingen. Würden die Stones ihr Programm bloß routiniert runterspielen, hätten sie sich diese Nummer nicht ausgesucht. Sie verlangt den Musikern alles ab. Sich einzufühlen in die dunkle Welt dieses Songs mit ihrem blutigen Ende und dem Messer, das in die Kehle eindringt. Dieses Lied bohrt sich ins Herz.
Der zweite ist die Inszenierung von "Sympathy For The Devil": Die Bühne ist in rotes Licht getaucht. Jagger mit rotem Zylinder und roter Jacke auf einer Brücke hoch über der Bühne. Das Publikum erkennt den Song und stimmt den heulenden "hu hu"-Gesang an, bevor Jagger sich vorstellt: "Please allow me to introduce myself / I'm a man of wealth and taste". Die Rolling Stones haben immer mit dem Feuer gespielt und sind dem Teufel - bis auf das Ur-Mitglied Brian Jones - so manches Mal von der Schippe gesprungen. Wohl kein Song hat mehr mit ihnen zu tun als dieser.
In Hannover haben die Rolling Stones wieder mal gezeigt, daß sie die schwärzeste aller weißen Bands sind. Eigentlich brauchen sie die Pyrotechnik nicht und auch nicht die riesige Bühne. Sie haben starke Songs, das reicht. Vielleicht kommen sie wieder. Vielleicht sollten sie versuchen, eine intime Clubshow in einem Stadion zu inszenieren. Um dann Karten anzubieten, die billiger sind als die 85 Euro, die man mindestens bezahlen mußte. Dann würden sicher auch jüngere Fans kommen. Die könnten dann erleben, warum die Faszination dieser Band ungebrochen ist.
Lieber Mick Jagger, liebe Rolling Stones! Auch ich würde wieder zu einer Show von euch kommen und ganz viele Freunde überzeugen, mich zu begleiten.




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