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Kultur & Live

"4 Tage lang nur eine Unterhose an . . ."

Hurricane-Festival: 50 000 Besucher feierten unter sengender Sonne. Zwischen Fußball und Rock 'n' Roll: euphorische Fans, coole Bands und ausgelassene Stimmung.

Scheeßel. Überall Staub. Zentimeterdick auf den Zeltdächern, knirschend zwischen den Zähnen, hauchdünn auf der Laptop-Tastatur. Hundstage in Scheeßel. Das war beim Hurricane-Festival zuletzt 1999 so. Die letzten Jahre waren gekennzeichnet von Regen, Matsch und Kälte. In diesem Jahr ist alles anders. Die Sonne lacht, Deutschland gewinnt, nur Nada Surf verliert: Das US-Trio muß in der Halbzeitpause des WM-Achtelfinales Deutschland gegen Schweden spielen, weil die zweite von insgesamt drei Bühnen kurzerhand in eine Großbildleinwand umfunktioniert worden ist.

König Fußball ist auch verantwortlich für die Häufung an Schwarz-Rot-Gold-Fahnen, Deutschland-Trikots (selbst Ben Harpers Gitarrist trägt eins) und den Festival-Gesang Nummer eins - "54, 74, 90, 2006" der Sportfreunde Stiller - und ist das bestimmende Element rund um den Eichenring. Davon kann Fürst Rock 'n' Roll nur profitieren - ausgelassene Stimmung überall.

Einfach ist das nicht immer: Obwohl die Zuschauerkapazität von 60 000 (2005) auf 50 000 reduziert wurde, zwängen sich die Massen in den schmalen Klangkegel vor der Lautsprecheranlage, wer außerhalb steht, bekommt die volle Dröhnung von den parallel aufgestellten Bühnen. Leidtragende sind am Freitag die Arctic Monkeys und Tomte: "Welche Band spielt denn so laut da drüben?" fragt Tomte-Sänger Thees Uhlmann leicht verwirrt, als die Klänge des französischen Weltmusik-Punk-Gurus Manu Chao seine Ansagen übertönen.

Der guten Laune tut das keinen Abbruch. "4 Tage lang nur eine Unterhose an . . .", singt eine Gruppe Studenten und zieht ihre Dosenbierpalette an zusamengezwirbelten Klebebändern über den Asphalt in Richtung Eichenring. Fast ein normales Bild im alltäglichen Festivalwahnsinn mit seiner tagelangen Duschverweigerung. Schwarz bestäubt wie Kohlekumpel, lustige Sprüche mit Spucke auf den Bauch gemalt, Tetrapaks mit Gin zum Umhängen, Klopapier als Behelfs-Kopfbedeckung: So geht es auf das Konzertgelände. Der Hang zur Selbstironisierung, zum Beispiel in Plüschbären-Kostümen, ist weit verbreitet in der jungen, das Techno-Loch der 90er schließenden Rockgeneration. Vor allem die Bands am Sonnabend brauchen die mitgebrachte Begeisterung nur noch abzuernten. Die Powerpopper The Kooks, die Discorocker Hard-Fi und vor allem die - ausgerechnet - schwedischen Punk'n'Roll-Stars Mando Diao spielen sich in Herz und Nieren der Fans.

The Hives, ebenfalls aus Schweden, treiben es nach acht Monaten Bühnenabstinenz besonders wild in ihrem feinen schwarzen Zwirn mit weißen Hosenträgern, Lackschuhen und Halstüchern: Ohne Rücksicht auf Verluste verausgabt sich Sänger Pelle Almquist vorbildlich - Grätschsprünge, wildes Jonglieren mit dem Mikrofon und unverschämt arrogante, aber gerade deshalb so unterhaltende Ansagen.

Die als Hauptband am Sonnabend folgenden The Strokes zeigen sich dagegen lethargisch. Zwar spielt die New Yorker Combo fast alle Hits, doch wirkt Sänger Julian Casablancas gelangweilt. Oder verwirrt. Oder genervt. Anders ist es nicht zu erklären, daß er während des Auftritts mit seinem Mikrofonständer eine vor der Bühne aufgestellte Fernsehkamera zerschlägt.

Am Sonntag war wieder die Feuerwehr gefragt. Aus dem Bühnengraben besprengte sie die in brütender Hitze tanzenden Fans. Besonders ausgelassen ging es bei der Ska-Punk-Band Pantheon Rococo und den kanadischen Neo-Punkern Billy Talent zu. Mit dem britischen Trio Muse ging am Sonntag abend ein Festival zu Ende, das viel Staub aufgewirbelt hat. Auch ohne Superstar-Headliner. Dafür aber mit starkem, vielfältigen Programm, tadelloser Organisation und euphorischen Fans.

 

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