Sein erstes Gebot: "Du sollst nicht langweilen!"
Billy Wilder: Legionen von Filmemachern blieb er unerreichtes Vorbild - heute würde der Hollywood-Regisseur 100. Audrey Hepburn betete er an, und mit Marilyn Monroe mußte er eine Szene 63mal drehen . . .
Hamburg. "Nobody is perfect" oder "Auszeichnungen sind wie Hämorrhoiden, irgendwann bekommt sie jedes Arschloch", diese Einsichten hat Billy Wilder der Welt geschenkt. Leicht gesagt, von einem, der sechsfacher Oscar-Preisträger ist, 21mal für den Oscar nominiert wurde und insgesamt mehr als 100 Auszeichnungen erhalten hat.
Heute würde Billy Wilder, im österreichisch-ungarischen Sucha geboren und in Wien aufgewachsen, 100 Jahre alt. Wilder hat ein halbes Dutzend der schönsten Filme der Filmgeschichte gedreht, wenn nicht denschönsten überhaupt: "Manche mögen's heiß". Bis heute gilt er - sein letzter Film war 1981 "Buddy Buddy" - Legionen von Filmemachern als unerreichtes Vorbild für rasiermesserscharfe Dialoge, für zynischen, kalkulierten Witz, für raffinierte Regieführung. Er selbst hatte nur ein Vorbild, dessen Liebe zu feinsinnigen, verführerischen Komödien seiner Heimat, der österreichischen k.u.k-Monarchie, er genauso teilte, wie desen selbstbewußten Großstadtwitz: Ernst Lubitsch, für den er "Blaubarts achte Frau" und "Ninotschka" schrieb, den großen Film der Garbo. Über Wilders Schreibtisch stand bis zuletzt ein Schild mit der Frage. "Wie hätte Lubitsch es gemacht?" und das hieß: leicht, elegant, stilvoll. Wilders erstes Kino-Gebot lautete: "Du sollst nicht langweilen!"
Wilder war Hollywoods erster Hoflieferant für geflügelte Worte. Er ist, wie das Filmlexikon "Filmgoer's Companion" schreibt, "der Filmemacher, von dem es die meisten und besten Sprüche zu zitieren gibt". Wilder vereint in sich die europäische Kultur und den schlagfertigen Witz der Amerikaner. Er konnte aus jeder Situation und zu jedem Ereignis ätzende Sottisen liefern. Als die blutjunge und atemberaubend schöne Liz Taylor zum ersten Mal in die Kantine der MGM-Studios kam und sie jeder mit offenem Mund stumm anstarrte, platzte Wilder heraus: "Ich möchte wissen, wie ausgerechnet die zum Film gekommen ist."
Worte, Drehbücher oder Dialoge - alles mußte bei ihm perfekt sein. Mit 19 Jahren hat er als Reporter bei der Berliner "BZ am Mittag" begonnen und nebenher als Eintänzer gearbeitet. Er war erfolgreich, obwohl er nicht zu den bestaussehenden Herren gehörte, aber "ich hatte den besseren Dialog". 1929 wurde sein erstes Drehbuch verfilmt, "Menschen am Sonntag". Regie führten Robert Siodmak und Edgar Ulmer, an der Kamera Eugen Schüfftan und Fred Zinnemann. Alle mußten wenige Jahre danach vor den Nazis flüchten. Alle gelangten irgendwann nach Hollywood und wurden berühmt. Wilder flüchtete schon 1933 nach Paris. Aus dem viel versprechenden jungen Talent - er hatte bis 1933 14 Drehbücher verfaßt - war ein mittelloser Flüchtling geworden, der nun als "Neger", also für fremde Namen, noch dazu in einer fremden Sprache, Drehbücher schrieb. In Paris führte er das erste Mal Regie, bei "Mauvaise Grain". 1934 emigrierte Wilder per Schiff in die USA. Er hatte 20 Dollar dabei und drei Bücher, mit denen er englisch lernen wollte.
1938, nachdem Wilder unter anderem fast ein Jahr im Vorraum der Damentoilette des Hotels "Chateau Marmont" gewohnt hatte, arbeitete er das erste Mal in Hollywood als Drehbuchautor. Später führte er selbst Regie, weil er niemanden für fähig hielt, seine Dialoge stilvoll genug umsetzen zu können.
Er hat mit den meisten großen Hollywoodstars gearbeitet - darunter Kirk Douglas, Gary Cooper, Humphrey Bogart, William Holden, Charles Laughton, Shirley MacLaine, Barbara Stanwyck oder James Cagney in seiner Komödie im Berlin des beginnenden Wirtschaftswunders "Eins, Zwei, Drei". Wilder war bei drei amerikanischen Präsidenten zu Besuch und besaß eine weltberühmte Kunstsammlung. Auf die Frage, ob er je wieder einen Film mit Marilyn Monroe drehen würde, hat Wilder, kurz nach dem Ende der Arbeiten an "Manche mögen's heiß" einmal geantwortet: "Ja, aber nur in Paris, wo wir Malkurse nehmen können, während wir auf sie warten." Die Monroe, berühmt für ihr Zuspätkommen, hatte während der Dreharbeiten Ausreden benutzt wie "Ich konnte das Studio nicht finden" - das Studio, bei dem sie seit sechs Jahren unter Vertrag stand. 63mal mußte eine Szene gedreht werden, in der sie nur "Wo ist der Bourbon?" zu sagen hatte. Schließlich wollte Wilder sie beruhigen: "Marilyn, reg dich nicht auf, entspann dich". Doch die Monroe antwortete nur, "ich mich aufregen? Worüber denn?"
Knapp 50 Filmen hat Wilder als Autor oder Regisseur zum Leben verholfen. In allen Genres - bis auf den Western - hat er ein Meisterwerk geschaffen. Er inszenierte die hintergründigsten Komödien, die schwärzesten Krimis und die intensivsten Charakterstudien.
Bereits der erste Film, für den er 1942 als Regisseur verantwortlich zeichnete, "Der Major und das Mädchen", ist eine hinreißende Komödie. Mit "Fünf Gräber bis Kairo" schuf er einen ungewöhnlichen Kriegsfilm. "Frau ohne Gewissen" (im Original "Double Indemnity"), sein dritter Film, wurde ein Klassiker der Schwarzen Serie. "Seit ,Double Indemnity' sind die beiden wichtigsten Wörter im Kino ,Billy Wilder'", wußte Hitchcock schon damals. Für den deutschen Filmtitel hatte Wilder nur Spott übrig: ",Frau ohne Gewissen' klingt idiotisch. Das trifft auf etwa 1,6 Milliarden Frauen zu."
"Das verlorene Wochenende" liefert - für damalige Zeiten unerhört - eine erregende Psychostudie im Stile des Neorealismus über einen Alkoholiker, dem "ein einziger Drink zuvie ist und hundert nicht genug sind". "Sunset Boulevard" ist bis heute das ergreifendste Melodram über die Vergänglichkeit von Ruhm und Illusionen. Der Krimi aus der Welt der menschlichen Täuschungen, "Eine auswärtige Affäre", im kriegszerstörten Berlin mit Marlene Dietrich gedreht, spießt perfekt die Doppelmoral auf. "Zeugin der Anklage", wieder mit der Dietrich, rangiert auf einer Ebene mit Hitchcocks besten Werken. Mit der Dietrich war Wilder bis zu deren Tod befreundet, was Wilders Frau Audrey, die die beiden nicht verstehen konnte, wenn sie deutsch miteinander sprachen, gar nicht amüsierte.
Bis heute gibt es keine bösere Satire über Bürokarrieren, Großstadtmoral und Promiskuität als "Das Appartement", und an die wunderbar elegante Komödie "Sabrina" mit der von Wilder angebeteten Audrey Hepburn konnte Sydney Pollacks Remake 1995 nicht entfernt heranreichen.
Wilders Kunst war es, den richtigen Stoff zur richtigen Zeit zu finden - und dann die richtige Besetzung. Nie waren Jack Lemmon und Walter Matthau so komisch wie in Wilders Filmen. Die Monroe hat er mit "Manche mögen's heiß" endgültig zur Hollywood-Ikone gemacht, auch wenn er sie zuvor bereits in "Das verflixte siebte Jahr" mit ihrem wehenden Rock über dem New Yorker U-Bahnschacht zur Göttin stilisiert hatte. "Was ist noch aufregender, als die Monroe zu verführen?', hatte Wilder sich einst gefragt. Die Antwort, scheu gespielt von Tony Curtis an Bord einer Luxusyacht, lautete: "Von der Monroe verführt zu werden."
Für die Rolle der alternden Stummfilm-Diva in "Sunset Boulevard" hatte sich Wilder um die Sex-Göttin der 30er Jahre, Mae West, bemüht, die damals ungefähr 60 war. Um ihr wahres Alter zu erfahren, "hätte man ihr ein Bein abschneiden und die Jahresringe zählen müssen", sagte Wilder, der dann zunächst lieber Pola Negri besetzen wollte. Doch der Stummfilmstar hatte einen so scheußlichen Akzent, daß sie "höchstens die Frau von Lech Walesa hätte spielen können". So bekam Gloria Swanson die Rolle.
Natürlich hat Wilder auch gern Witze über Männer und Frauen gemacht. "Frauen nähern sich immer den 40 - zuerst von der einen, dann von der anderen Seite", wußte er. Und für Männer galt: "Alles ist zu lang, bis auf den eigenen Penis und das eigene Leben." Wilder starb am 27. März 2002, fast 96jährig. Auch für sein eigenes Ende hatte er bitter-süßen Spott übrig. Auf die Frage, "wie möchten Sie sterben?", hat er geantwortet: "Mit 104 Jahren, kerngesund, von einem Ehemann erschossen, der mich bei seiner jungen Frau inflagranti ertappt".




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