Sofa und Stehlampe unter der Sonne
Das Wohnzimmer: Die Renaissance der Guten Stube - zweimal deutsche Gemütlichkeit. Das Wohnzimmer als privates Pantoffelparadies, Gemütlichkeit als Kokon des Großstädters? Zwei Veranstaltungsreihen räumen auf mit dem Klischee. Bei Wohnzimmerlesungen kommen Kultur und unbekannte Gäste ins Haus. Bei der "Wohnzimmer-WM" wird die Wohnkultur nach draußen verfrachtet.
Hamburg. Ein Marienkäfer krabbelt über den Teppich. Von oben, irgendwo aus der Baumkrone, kommt ein Blatt heruntergesegelt und setzt sich auf die Sofalehne. Auf dem Teppich, zwischen abgerockten Sesseln, großmütterlicher Stehlampe und ein paar Couchtischchen, warten zwei Fernseher auf ihren Einsatz. Im Mittelpunkt des Geschehens. Wie in jedem guten deutschen Wohnzimmer.
Bloß daß dieses an der frischen Luft steht. Mehr oder weniger. Draußen jedenfalls. Unter freiem Himmel. Im Hintergrund die Hochhäuser, nebenan der große Siedlungs-Spielplatz. In Steilshoop ist "Wohnzimmer-WM", ein Kulturprojekt im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft.
Das Konzept der Organisatoren, einer Gruppe ehemaliger Architekturstudenten und junger Mediengestalter, ist einfach: Sie spielen "Verkehrte Welt", kehren das Innerste nach außen und transportieren bewußt den privaten Rückzugsraum der Familie in die Öffentlichkeit. Ursprünglich als spontane Guerilla-Aktion zur WM geplant und als Idee aus Weimar importiert, wo Ähnliches schon vor vier Jahren funktionierte, machen die Organisatoren in Hamburg gemeinsame Sache mit der SAGA. Verbindendes Thema ist der Umgang mit Wohnkultur, aufgebaut wird immer in vernachlässigten Stadtteilen. Die Welt zu Gast bei Freunden: Wo sonst sitzen Zuschauer aus aller Welt gemeinsam vor dem Fernseher - vor ihrer eigenen Haustür? Auf dem Sofa toben Kinder aus Afghanistan, der Türkei und Ex-Jugoslawien. Eine italienische Mama kommt im Trikot, ein Montenegriner feuert seinen Torwart an. Gelebte Fußball-Kultur, gelebte Integration. Im Gelsenkirchner Barock, ganz zwanglos. Wo gab's denn das zuletzt.
Die gemütliche Aktion ist - das gehört zum Konzept - auch im Internet zu beobachten. Neben kurzen, von Projektleiter Peter Schütz WM-gerecht kommentierten Videofilmen soll dort bald auch ein WM-Tagebuch online stehen.
Ob die Wohnzimmer-WM nun tatsächlich Kunst im öffentlichen Raum ist oder einfach ein nettes Nachbarschaftsfest, läßt sich vor Ort kaum noch unterscheiden. Und ehrlich gesagt, es ist auch vollkommen unerheblich.



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