Ray Davies in der Laeiszhalle
Hamburg. Ray Davies zeigt Humor. "Der nächste Song ist von einem der erfolglosesten Alben der Rockgeschichte", moderiert er "Village Green" an, "aber jetzt ist es Kult." Den Song vom hochgelobten Konzeptalbum "The Kinks Are Village Green Preservation Society" spielt Davies in einer akustischen Version. Jack Johnson wäre froh, wenn er so einen Song in seinem Repertoire hätte. Für den 62 Jahre alten Engländer ist es nur einer unter Dutzenden von herausragenden Liedern, die er für die Kinks und für sein Soloalbum "Other People's Lives" schrieb.
Acht Jahre lang war der Sänger und Gitarrist nicht mehr in Hamburg. Davies hatte keine Zeit und keine neuen Songs. Sechs Jahre lang hat er damit verbracht, eben jenes Album "Other People's Lives" aufzunehmen. "Ich bin sehr stolz auf diese Platte", sagt er. Im Laufe des zweieinhalbstündigen Konzerts in der Laeiszhalle wird er jeden Song daraus spielen und von seinem Publikum viel Beifall erhalten, denn jede dieser Nummern fügt sich nahtlos in sein durch die Kinks geprägtes Oeuvre ein.
Ray Davies war immer ein genauer Beobachter der spießbürgerlichen Welt, der "Next Door Neighbours", wie einer der neuen Songs heißt. Die Abgründe hinter den sauberen Fassaden und Vorgärten interessieren ihn immer noch. In "Autumn Almanac", einem der schönsten Kinks-Songs, bringt er diese Heile-Welt-Rituale auf den Punkt: "Fußball am Sonnabend, Roastbeef am Sonntag und Urlaub in Blackpool".
Davies spielt eine Menge von alten Kinks-Hits, und er hat Spaß mit ihnen. Er fordert das Publikum auf mitzusingen, ein Angebot, das es gerne und mit großer Textsicherheit annimmt. "Sunny Afternoon", "Dead End Street" und "Days" spielt er in akustischen Versionen. Hier zeigt sich die Größe dieser Songs, die auch in ihrer reduzierten Form eine große Strahlkraft entfalten - Klassiker eben.
Der Abend in der Laeiszhalle ist zum Glück weit davon entfernt, Forum für ein Best-Of-Programm zu sein. Ray Davies ist immer noch ein ernsthafter Musiker und Songschreiber. Ihm gelingt es, mit Witz und Leichtigkeit das riesige Bündel Rockgeschichte auf seinen Schultern in Beziehung zu den neuen starken Songs zu setzen. Er wechselt die Rolle vom "zornigen Rocker" zum "nachdenklichen Singer/Songwriter" einfach, indem er es behauptet, sich auf einen Barhocker setzt und die akustische Gitarre zur Hand nimmt.
Ray Davies wirkt in seinen langen Jacketts (die er dreimal wechselt) und offen getragenen Hemden jung und drahtig, graue Haare gestattet er sich ebenfalls nicht. Mit seiner charmanten Coolness ist diese herausragende Figur britischer Musikgeschichte auch bei jungen Musikern wieder zum Idol geworden. Bei den Zutons und den Mystery Jets finden sich Songs, die ohne Davies kaum denkbar wären. Und Hugh Harris, der Gitarrist der Kooks, trägt am liebsten ein verwaschenes Kinks-Shirt - Ausdruck seiner tiefen Verehrung für Ray Davies.

