Die Zukunft der Poesie
Ansichtssache
Schriftsteller schreiben im Hamburger Abendblatt: Zu den Vattenfall-Lesetagen drucken wir bis zum 26. April jeden Tag eine Kolumne zum Thema Zukunft. Heute: Lyrikerin Silke Scheuermann ("Der zärtlichste Punkt im All") zur Zukunft der Poesie.
Ich weiß noch genau, wann ich aufhörte, mir Gedanken über die Zukunft der Poesie zu machen. Es war letzten Sommer, an einem Mittwoch nachmittag. Ich wollte ein Päckchen beim Postamt abholen. Als ich hinkam, entpuppte es sich als zwei Riesenpakete. Es handelte sich um die Einsendungen zum Lyrikjahrbuch 2007: lauter Gedichte.
Den Rest des Tages und die nächsten verbrachte ich inmitten einer Flut Papier, zunehmend begeistert, weil es so viele Funde gab. Es wurde gedichtet. Es wurde gut gedichtet. Es wurde im Westen, Osten, im Norden und Süden gedichtet, in den Städten, auf dem Land, von bekannteren und gar nicht bekannten Schriftstellern. Christine Thiemt schrieb ein Gedicht über "Den Baum, vor dem uns unsere Mütter immer gewarnt haben", Nora Bossong vom Leben in einer Stadt ohne Fluß, Dorothea Grünzweig über "mein abermals", Ole Petras von einem "Fenster zum Off", Volker Sielaff von "diesem Holzgeviert, diesem Etagending" - von der Sauna. Friederike Mayröcker und Oskar Pastior, unermüdlich, hatten Gedichte geschickt. Nur um eine beliebige, ungerechte Auswahl aus den besten Einsendungen zu treffen.
Das war also der Moment, an dem ich beschloß, mir keine Sorgen mehr zu machen. Im übrigen ist das Lamento über die Zukunft der Poesie schon alt und etwas lästig: An welchen Kriterien mißt man denn den vermeintlichen Erfolg? Vergleicht man mit Einschaltquoten?
Natürlich ist es bedenklich, wenn die großen Verlage weniger Lyrik publizieren und ganze Lyrikreihen einstellen. Aber es gibt kleinere, wunderbare Verlage wie Wallstein, die diese Lücke ausfüllen. Es gibt Veranstaltungen wie die Lesetage, die eine Lyriknacht veranstalten. Eine meiner Lieblingsautorinnen wird dann auch lesen: Lavinia Greenlaw, deren neuer Gedichtband "Minsk" gerade bei DuMont in zwei Sprachen erschienen ist. Darin gibt es einen "Brief an Lord Chandos", in dem es heißt: "Wenn die Dinge sich nicht von sich selbst abheben,/können wir mit Worten nichts tun . . ." Pessimistisch? Nein, es geht noch weiter: ". . . außer ihnen mit einem/ Vergleich zu begegnen."



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